Afghanistan Analysts Network sieht bei einem Truppenabzug der USA aus Afghanistan das gesamte ausländische Engagement gefährdet.

Die US-Truppen stellen einen großen Teil der Infrastruktur für militärische und zivile Aktionen. Falls sich die USA zu einem schnellen Rückzug ihrer Truppen aus Afghanistan entschließen sollten, werden auch alle anderen ausländischen Truppen und Organisationen in ihrer Aktionsfähigkeit deutlich eingeschränkt, erklärt der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig von der Nichtregierungsorganisation (NGO) „Afghanistan Analysts Network“ im Deutschlandfunk. Nahezu alle zivilen Hilfsmaßnahmen und natürlich alle militärischen Aktivitäten sind grundsätzlich von der US-Infrastruktur direkt abhängig. Deshalb hält es der Afghanistan-Experte für unerlässlich, dass zum Beispiel auch die NATO in den Verhandlungsprozess zwischen den USA und den Taliban einbezogen wird. Derzeit zeichne sich ein Konsens in den Friedensgesprächen ab, wonach mit dem schrittweisen Rückzug der US-Truppen auch die anderen ausländischen Einheiten abgezogen werden sollen. Aber der genaue Zeitplan und die Organisation des Abzuges seien bisher nicht mit den Verbündeten besprochen worden. Hier sieht der Experte einen deutlichen Nachholbedarf. Die USA müssten ihre derzeitige Strategie der Geheimhaltung gegenüber den eigenen Verbündeten aufgeben und offen mit diesen kommunizieren. Die Verhandlungen mit den radikalislamistischen Taliban hält der NGO-Vertreter für alternativlos. Wenn wir diesen seit 40 Jahren laufenden Krieg beenden wollen, müssen wir alle relevanten Gruppen in die Gespräche einbeziehen. Ein Friede ohne Taliban ist nicht realistisch. Wie in jedem Bürgerkrieg stehen sich unversöhnliche Lager gegenüber, aber man muss einen Modus Vivendi finden. Die Verhandlungen sind überaus schwierig und werden nur langfristig zum Erfolg führen. Diese Einsicht scheint auf amerikanischer Seite nur bedingt vorhanden. Afghanistan-Experte Ruttig verweist auf US-Verlautbarungen, die von einem baldigen Truppenabzug ausgehen. Die USA machen einen ungeheuren Druck, um baldmöglichst mit dem symbolischen Abzug beginnen zu können. Die Außenpolitik unter US-Präsident Donald Trump ist kaum kalkulierbar und neigt zu übereilten Symbolaktionen, warnt der Experte im Deutschlandfunk. Derzeit erscheint alles möglich, auch ein kurzfristiger Rückzug der US-Truppen, ohne dass ein Abkommen unterzeichnet ist. Tritt dies ein, so stehen wir vor den Trümmern der internationalen Afghanistan-Politik und jeder Fortschritt, den wir in den letzten Jahren erreicht haben, ist hinfällig, warnt Ruttig.

Redaktion poppress.de, NeoMatrix