Der Oberbürgermeister von Tübingen Palmer warnt vor den ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen eines längerfristigen Ausnahmezustands.

Der Oberbürgermeister Tübingens, Boris Palmer hält die bundesweit verhängten Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren für einen zweiwöchigen Zeitraum für durchaus richtig. Die Auswirkungen der Corona-Krise ließen sich nur eindämmen, wenn die Kontakte zwischen den Menschen „jetzt auf ein absolutes Minimum“ reduziert würden, erklärt der Grünen-Politiker in der Mittwochsausgabe der Tageszeitung „Welt“.

Allerdings müsse man sich auf einen Einbruch der Wirtschaft einstellen, „der sich gewaschen hat“, befürchtet Palmer. Er sei sich sicher, dass Deutschland eine Rezession bevorstehe. Vor allem aber bezweifelt der Oberbürgermeister, dass die deutsche Gesellschaft in der Lage sein werde, den derzeitigen Ausnahmezustand für eine Zeitspanne von deutlich mehr als einem Monat durchzuhalten.

Um den gesellschaftlichen Frieden und die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, ist es nach Überzeugung Palmers erforderlich, bereits jetzt mit Überlegungen zu möglichen „Exit-Strategien“ aus dem Krisenmodus zu beginnen. Es müssten Antworten auf die Frage entwickelt werden, so Palmer, wie man in einem organisierten und kontrollierten Verfahren aus dem jetzigen Zustand eines völlig stillgelegten öffentlichen Lebens in drei oder vier Wochen wieder herauskomme.

Boris Palmer befürchtet, dass die an individuelle Freiheitsrechte gewöhnten Gesellschaften westlicher Prägung eine längerfristige Deaktivierung des öffentlichen Lebens kaum durchhalten werden, da sich ein dauerhafter Ausnahmezustand anders als in China in den westlichen Gesellschaften nicht mit Brachialgewalt durchsetzen lasse.

Große Hoffnungen ruhen laut Palmer auf den Impfstoff-Forschungen des Biotech-Unternehmens CureVac, das seinen Sitz in Tübingen hat. Immer dann, wenn CureVac in der Vergangenheit Unterstützung benötigte, sagt der Oberbürgermeister, habe das Unternehmen auf Hilfe durch die Stadt Tübingen zählen können – so beispielsweise während der turbulenten Zeit, in der öffentlich über ein Übernahmeangebot durch den US-Präsidenten Trump gesprochen wurde. Die vor sechs Wochen gestartete CureVac-Forschung zu einem Corona-Impfstoff konnte mit Steuermitteln abgesichert werden, betont Boris Palmer. Die Forschung von CureVac zu einem Impfstoff erfolge derzeit mit höchster Intensität.

Erste Ansatzpunkte für eine Therapie von Corona-Erkrankten haben sich laut Palmer an der Universität Tübingen ergeben. Diese Forschungen zielten auf eine deutliche Reduzierung der Anzahl schwerer Erkrankungen.

Palmer spricht sich zudem für die systematische Durchführung von Corona-Tests sowie für das Nachverfolgen von Infektionsketten auch unter Verwendung von Handydaten aus.

Nicht zuletzt hält der Grünen-Politiker eine von ihm sogenannte „vertikale Öffnung“ für nachdenkenswert. Unter „vertikaler Öffnung“ versteht Palmer, dass Personen aus Risikogruppen und Menschen im Alter von über 65 Jahren mit dem Ziel der Vermeidung weiterer Sozialkontakte vom Alltagsleben getrennt und isoliert werden. Jüngere Menschen könnten hingegen in einem kontrollierten Verfahren Schritt für Schritt wieder in die Arbeitsprozesse integriert werden. Derartige Strategien sollten bereits in den kommenden Wochen erörtert und auf ihre Durchführbarkeit geprüft werden, schlägt der Tübinger Oberbürgermeister vor.

Redaktion poppress.de, A. Camus