Katholische Kliniken stellen sich auf eine extreme Notsituation ein, in der eine optimale Gesundheitsversorgung nicht mehr für jeden Patienten gewährleistet sein wird.

Nach einem ausführlichen Informationsaustausch mit Ärzten und Kliniken in den italienischen Krisengebieten, stellt sich der Katholische Krankenhausverband Deutschland (KKVD) als Klinikbetreiber auf eine analoge Krisensituation im deutschen Gesundheitssystem ein. Wir befinden uns aktuell in einer Kommunikation mit unseren Klinikleitungen, um die Vorbereitungen auf die bevorstehende Zuspitzung der Notsituation zu koordinieren. Wir müssen mit unseren Belegschaften das weitere Vorgehen abstimmen, erklärt Ingo Morell vom Krankenhausverband gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Es wird eine Notlage eintreten, in der wir mit Entscheidungen konfrontiert werden, die sich bislang weder Klinikleitungen, noch Ärzte und Pflegepersonal vorstellen konnten. Die Kliniken werden nicht mehr in der Lage sein alle Betroffenen zu versorgen. Die Ärzte werden eine Auswahl der Patienten treffen müssen, die stationär behandelt werden. Dies bedeutet aber umgekehrt, dass wir Erkrankte abweisen müssen, betont der Vize-Vorsitzende des Verbandes der Katholischen Kliniken. In der medizinischen Betreuung haben wir für diesen Fall den Begriff des „Lazarett-Szenarios“. Der Eintritt dieses Notfalls war bisher jenseits unserer Vorstellungskraft und erfordert eine völlig neue Bewertung des medizinischen Auftrags. Wir dürfen unsere Ärzte und Pfleger/innen in dieser psychisch extrem belastenden Situation nicht alleine lassen. Wir haben als Klinikleitungen die Pflicht, auch eine seelsorgerische und psychologische Betreuung unseres Personals sicherzustellen. Wir stellen uns auf einen Notfall ein, der jede bisherige Notfallplanung übersteigt. Das Fachpersonal wird mit der Frage konfrontiert, wie eine derartige Auswahl und Zurückweisung von Patienten legitimiert wird. Ich kann nur betonen, dass niemand wird in dieser Extrembelastung allein gelassen wird. Es kann keine allgemein gültigen Regelungen geben, sondern die Kliniken müssen in den Einzelfällen spontan entscheiden, erklärt Morell. Neben diesen ethischen und moralischen Konflikten in der medizinischen Ethik, beschäftigt die Klinikleitungen derzeit auch die finanziellen und organisatorischen Belastungen, die auf die Einrichtungen im Gesundheitsbereich zukommen. Den von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) favorisierten Rettungsschirm für Krankenhäuser, beurteilt der Katholische Krankenhausverband als nicht angemessen. Wenn hier nicht entschieden gegengesteuert wird, könnte es noch im April zu ersten finanziellen Problemen kommen und ganze Einrichtungen würden zahlungsunfähig. Die Klinikleitungen brauchen aktuell verlässliche Finanzzusagen in Form von Überbrückungskrediten. Sonst wird das Gesundheitssystem kollabieren, warnt Morell eindringlich in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Es muss jetzt eine Planungssicherheit für die Einrichtungen im Gesundheitssystem geschaffen werden, um nach der Krise weiter arbeiten zu können. Wir verlangen von unseren Mitarbeitern das Äußerste und dann können wir sie danach nicht in eine derartige Unsicherheit entlassen. Wir benötigen höchsten Einsatz und absolute Motivation, um diese Krise zu meistern. Und dazu brauchen wir eine sichere Basis für unsere Fachkräfte. Die Maßnahmen der Bunderegierung habe nicht zu einer Beruhigung in den Krankenhäusern beigetragen, weder bei den Leitungen, noch bei den Beschäftigten. Die Kliniken seien aktuell mit einem Wegbrechen der normalen Klinikeinnahmen konfrontiert. Alle Personalressourcen sind in den Vorbereitungen gebunden, womit nicht einmal mehr die normale Abrechnung von Fallpauschalen gewährleistet werden könne, betont der Katholische Krankenhausverband in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Die derzeitigen Umstrukturierungen führen vorübergehend zu einem erheblichen Bettenleerstand, weil die Kapazitäten für die Corona-Infizierten freigehalten werden müssten. Für die größeren medizinischen Einrichtungen bedeute dies eine kaum zu bewältigende finanzielle Schieflage. Für Entwarnungen hat Morell kein Verständnis. Wenn das Robert-Koch-Institut nun eine Abflachung der Infektionskurve vorhersage, entspräche das nicht seinem Kenntnisstand. Der Katholische Krankenhausverband bereite sich mit aller Konsequenz auf die gegenteilige Entwicklung vor, bestätigt Morell. Der Verband warnt vor einer frühzeitigen Entwarnung, die weder der realen Situation gerecht würde, noch dem notwendigen Ausbau der Intensivkapazitäten zugutekomme. Die psychologischen Signale einer Entwarnung wären verheerend. Beim Ausbau der Intensivkapazitäten liegt das Hauptproblem bei der Personaldeckung. Wir besitzen weder einen ausreichenden Pool aus qualifizierten Fachkräften, noch die Mittel diese mit Schutzkleidung und anderem Material auszustatten. Auch die Spezialgeräte zur Behandlung von Lungenerkrankungen seien nicht in einem ausreichenden Maß vorhanden. Es gibt schon jetzt kritische Situationen, wenn ein Patient in die schwächer besetzte Nachtschicht eingeliefert werde. Dort könne es zu einer fatalen neuen Infektionskette kommen, die ganze Krankenhäuser lahmlegen könnte, warnt Morell. Bei den Testverfahren, sind derzeit ebenso erste Engpässe zu beobachten. Wir müssen Fachpersonal ohne eine ausreichende Sicherung einsetzen, auch wenn die Leute aus Hochrisikogebieten kommen. Morell sieht sogar die Option eines Einsatzes von Corona-infiziertem Personal, um überhaupt noch eine Behandlung zu gewährleisten. Im absoluten Notfall werden wir nicht mehr anders handeln können, stellt der Krankenhausvertreter resigniert in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ fest.

Redaktion poppress.de, NeoMatrix