Deutscher Hochschulverband moniert die fehlenden Möglichkeiten zu einer offenen Diskussion an deutschen Hochschulen.

Intoleranz ist nicht nur ein zunehmendes Phänomen in der öffentlichen Diskussion, sondern hat auch bereits die Elite-Bildungseinrichtungen in der Bundesrepublik erreicht, beklagt der Deutsche Hochschullehrerverband anhand der Zahlen einer Umfrage, die das Institut für Demoskopie Allensbach am Dienstag veröffentlichte. Die Umfrage wurde unter 1106 Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern durchgeführt. Die Umfrage kommt zu dem Schluss, dass die befragten Hochschullehrer die Wissenschaftsfreiheit an deutschen Hochschulen fast durchweg als gut oder sehr gut beurteilten (93 Prozent), aber dennoch das Gesamtklima an den Bildungseinrichtungen kritisch beurteilen. In Punkto Wissenschaftsfreiheit rangiert die Bundesrepublik in der europäischen Perspektive unter den ersten zehn Ländern. Das liberalste Klima an Hochschulen herrscht demnach in der Schweiz, den skandinavischen Staaten und den Niederlanden.
Die Umfrage, die in der Mittwochausgabe der „Welt“ veröffentlicht wird, rankt die Wissenschaftsfreiheit in der Bundesrepublik noch vor den USA, die auf einen Wert von 82 Prozent kommen. China landet mit 11 Prozent weit abgeschlagen. Das Problem der deutschen Hochschulen liegt in erster Linie in der Organisation des Universitätsalltags. Hier lauert in Deutschland neben einer zeitaufwendigen Verwaltungstätigkeit, eine Bürokratisierung des Lehr- und Forschungsbetriebs. Daneben beklagen die Dozenten die mangelnde finanzielle Ausstattung der Hochschulen, die zu einer Abhängigkeit von Drittmitteln führt. Diese Aspekte sind seit Jahren in der Kritik und ihre Nennung überrascht nicht. Was allerdings aufhorchen lässt, ist der Faktor der moralischen Standards, die zunehmend das Hochschulleben beeinflussen. Fast ein Drittel der Befragten äußerte sich gegenüber dem Institut für Meinungsforschung Allensbach negativ über die formellen und informellen Einschränkungen, die von einer falsch verstandenen „Political Correctness“ ausgehen. Faktoren wie zum Beispiel das Gender Mainstreaming, Frauen- und Minderheitenbeauftragte oder politische und individuelle Empfindlichkeiten, führen laut Umfrage zu einem Klima der Verdächtigungen und Anschuldigungen. Die Universität hat die Aufgabe, eine gesellschaftliche Realität abzubilden. Dies bedeutet für 79 Prozent der befragten Dozenten, dass bei einer politischen Diskussion auch Vertreter des Rechtpopulismus vertreten sein sollten. Bei 75 Prozent herrscht allerdings die Überzeugung vor, dass ein derartiges Vorgehen auf einen erheblichen Widerstand in der Hochschule stoßen würde. Dabei sehen sich die Hochschullehrer von zwei Seiten attackiert: von organisierten Hochschulgruppen einerseits und von einer Universitätsleitung andererseits, die Konfrontation um jeden Preis vermeiden will.
Eine genderneutrale Sprache trifft bei 72 Prozent der Befragten auf deutliche Vorbehalte. Bei Nicht-Einhalten der Gender-Sprachstandards rechnen immerhin 40 Prozent der Dozenten mit Protesten. Die Allensbach-Umfrage stellte auch die aktuelle Klimadebatte zur Disposition und erhielt hier überraschende Zahlen. 43 Prozent der Hochschullehrer bestehen demnach auf dem theoretischen Recht, den Klimawandel in Frage zu stellen.

Redaktion poppress.de, NeoMatrix