Jörn Leonhard, Zeithistoriker aus Freiburg, prognostiziert einen grundlegenden Wandel des westlichen Demokratiemodells aufgrund der Corona-Pandemie.

Die letzten Wochen haben einen Veränderungsprozess in Gang gesetzt, der noch zu Beginn des Jahres als undenkbar erschien, bemerkt der Historiker Jörn Leonhard gegenüber dem Nachrichtenportal Watson. Das Grundvertrauen in die Sicherheit und Stabilität unseres Gesellschaftsmodells ist durch die Ereignisse infolge der Corona-Pandemie im Grundsatz erschüttert. Das Jahr 2020 wird als Zäsur in die Geschichte eingehen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat es nichts Vergleichbares gegeben. Die aktuelle Situation ist absolut singulär. Die Reaktion und die Strategie der politischen Elite sind für Leonhard eine adäquate Handlungsweise. Vor allem in der Vorgehensweise von Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht der Freiburger Historiker ein vorbildliches Krisenmanagement. Leonhard erkennt keinen Vorteil autoritärer Systeme gegenüber dem westlichen Demokratiemodell. Es ist ein Fehler zu glauben, dass Systeme, die auf individueller Freiheit und Menschenrechten aufbauen, in ihrer Effizienz in Krisensituationen hinter autoritären Modellen zurückbleiben. Demokratien können flexibel und angemessen auf Krisensituationen reagieren. Sie haben angesichts derart neuartiger Phänomene sogar einen Vorteil an Kreativität im Umgang mit Krisenszenarien. Leonhard setzt auf die Beharrungskraft und die Resilienz moderner Demokratien und zeigt sich robust optimistisch. Die Rede von den Alltagshelden der Corona-Krise hält Leonhard für ein temporäres Phänomen. Die jetzt in den Mittelpunkt geratenden systemrelevanten Berufe im Gesundheitswesen, Handel und Infrastruktur bedürfen einer gesellschaftlichen Aufwertung. Aber die aktuelle Rede ist keine dauerhafte Änderung, stellt der Historiker mit Blick auf historische Beispiele fest. Auch wenn ich eine Neubewertung begrüßen würde, glaube ich nicht an einen grundlegenden Strukturwandel. Nach der Krise wird sich sehr schnell wieder eine „Normalität“ einstellen. Nachdem der Krisenmodus beendet ist und die Bedrohung durch einen Impfstoff an Aktualität verliert, werden andere Aspekt wieder in den Vordergrund drängen. Auch wenn es sarkastisch klingt, aber im Normalmodus wird sich niemand mehr für die Helden des Alltags interessieren, die uns jetzt mit Toilettenpapier versorgen, stellt der Freiburger Historiker fest.

Redaktion poppress.de, NeoMatrix