Axa-Chef Buberl: Deutsche Wirtschaft zeigt dekadente Züge

Thomas Buberl, Vorstandsvorsitzender der Axa, sieht die deutsche Wirtschaft in einer Art Überdruss und fordert zugleich mutige Visionen für einen Neuanfang. Er spricht über die Bedeutung staatlicher Investitionen und mahnt vor gesellschaftlichen Verwerfungen durch wirtschaftliche Unsicherheit. Auch die deutsche Präventionspolitik gerät bei ihm ins Kreuzfeuer der Kritik.

15.09.26 07:23 Uhr | 1221 mal gelesen

Deutsche Wirtschaft, Überdruss und Trägheit? Thomas Buberl von der Versicherung Axa findet dafür ungewöhnlich deutliche Worte: Ihm zufolge steckt Deutschland in einer Art "dekadenten Phase“. Klingt fast wie eine Diagnose von außen, doch tatsächlich trifft Buberl damit wohl einen Nerv.

Mitten im Wandel: Woran krankt das System?

Laut Buberl sind die berühmten Triebfedern unseres Wohlstands – Exportüberschüsse, verlässliche Industrie, stabile Rahmenbedingungen – in Schieflage geraten. "Nur von viel Vergangenheit kann keiner leben", so lässt sich sein Unterton deuten. Überraschend: Er bleibt nicht einfach beim Lamentieren stehen, sondern sieht gleichzeitig enorme Chancen, sofern investiert und klug transformiert wird.

Politischer Unmut und wirtschaftliche Unsicherheit

Interessant (und vielleicht beängstigend): Buberl erkennt im Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt ein Warnsignal. Für ihn kein Wunder, dass wirtschaftliche Ängste sich politisch entladen – ein Zusammenhang, der allzu oft weggeredet wird. Was, wenn die Menschen schlichtweg das Gefühl haben, übergangen zu werden?

Investitionen: Hoffnungsfenster versus Realität

Trotz aller Kritik sieht Buberl im staatlich angestoßenen Investitionsprogramm einen seltenen Gestaltungsspielraum. Digitalisierung, Infrastruktur, Energie – das Fundamente für einen Neustart, sofern der politische Wille nicht an zäher Bürokratie zerbricht. Man möchte fast hoffen, es ginge mal ein bisschen weniger langsam voran – rein aus Selbstschutz.

Prävention? Pommes?

Ein weiterer Reibungspunkt: die Gesundheitspolitik. Prävention wird gepredigt, Pommes subventioniert – das klingt für Buberl wie ein Widerspruch in sich. Keine Überraschung, dass die Bevölkerung mit solchen Ansagen nicht allzu viel anfangen kann. Er plädiert für mehr Konsistenz: Wer Prävention ernst meint, müsse auch ungesunde Praktiken steuerlich unattraktiver machen.

Gefühlte Stagnation – und die Angst vor Protestwahlen

Deutschland wirkt oft, als würde es sich an Strukturen festklammern, die nicht mehr funktionieren. Fachkräftemangel, hohe Energiekosten, lähmende Genehmigungsverfahren – eine Gemengelage, die Unsicherheit produziert. Buberl warnt: Wenn dem nicht begegnet wird, sind Protestwahlen nahezu programmiert.

Reformdruck und die Lust auf Neustart

Trotz allem bleibt ein Rest Hoffnung: Der strukturelle Wandel kann gelingen, wenn Politik, Wirtschaft – und letztlich auch die Gesellschaft – bereit sind, die Ärmel hochzukrempeln. Ob aus der "dekadenten Phase" ein echter Neuanfang wird, hängt daran, ob Worte wirklich in mutiges Handeln umgesetzt werden.

Unruhe, Reformbedarf und ein Ruf nach Klarheit

Die Aussagen von Thomas Buberl fallen in eine Zeit, in der die deutsche Wirtschaft tatsächlich an mehreren Baustellen laboriert: Laut aktuellen Medienberichten sorgen hohe Energiepreise, schwaches Wachstum und schleppende Investitionen vielerorts für Unbehagen. Erst vor wenigen Tagen meldeten führende Wirtschaftsexperten, dass der deutschen Industrie für 2024 ein Mini-Wachstum und weiterhin sinkende Auftragseingänge drohen. Neue Zahlen des ifo-Instituts zeigen zudem, dass der Anteil der Unternehmen, die ihre Produktion wegen Fachkräftemangels fahren müssen, weiter steigt und Lieferketten nach wie vor unter Druck stehen.

Politisches Misstrauen wächst

Gleichzeitig lässt sich laut jüngster Wahlumfragen eine anhaltende Entfremdung vieler Wähler beobachten: Populistische Parteien gewinnen an Zuspruch, während klassische Parteien fast schon routinemäßig für mangelnde Problemlösungskompetenz kritisiert werden. Die zahlreichen Protestaktionen – etwa rund um die Energiepolitik oder das Heizungsgesetz – unterstreichen die Unsicherheit im Land. Viele fordern rasch wirksame, nachvollziehbare Schritte der Bundesregierung, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Wichtig bleibt laut Buberl: weniger Lippenbekenntnisse, mehr Handlungen. Denn zwischen Ankündigungen und Umsetzung klaffen noch immer große Lücken – beim Thema Digitalisierung, Gesundheitsvorsorge und Förderung klimafreundlicher Technologien ebenso wie bei Steuerreformen und Bürokratieabbau. Die nächsten Monate könnten, positive Szenarien vorausgesetzt, jedoch tatsächlich einen Wandel einleiten – sofern man die richtigen Prioritäten setzt und aus der "dekadenten Phase" gegenseitiges Anpacken macht.

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