Als die Straßen mehrerer deutscher Städte vor Kurzem mit Schildern und Stimmen gegen digitale Gewalt gefüllt waren, hat das auch Collien Fernandes tief bewegt. Sie äußert sich offen – beinahe mit einer Mischung aus Hoffnung und Skepsis –, dass das Thema dauerhaft ernst genommen wird und aus dem kollektiven Aufschrei am Ende nicht bloß Schlagzeilen, sondern konkrete Schritte erwachsen.
Schweigen – eine Form der Verdrängung
Mit bitterem Unterton schildert Fernandes, wie auf ihren eigenen Fall reagiert wird: Viele Männer wischen solche Geschichten schnell vom Tisch, mit einem kategorischen "Nicht alle Männer sind so". Ein Reflex, der echte Konfrontation vermeidet und Betroffenen das Gefühl gibt, missverstanden zu werden.
Noch dazu sieht sie, dass feministische Stimmen, sobald sie Missstände ansprechen, allzu oft in die Ecke der Männerfeindlichkeit gedrängt werden. Dabei gehe es, betont Fernandes, schlichtweg um Fairness – nicht um einen ideologischen Krieg der Geschlechter.
Der Wert des Sprechens
Ihr Rat an andere Frauen, die digitale oder häusliche Gewalt erfahren haben, ist pragmatisch und persönlich: Sucht Austausch, findet Menschen, die Ähnliches durchlebt haben! Zu reden, so merkt sie an, ist häufig der erste Schritt aus der Unsichtbarkeit, aus der lähmenden Isolation heraus.
Das Reden bringt, so ihre Erfahrung, auch die Entdeckung mit sich: Die Geschichten ähneln sich, das Problem ist kein isolierter Schatten im Leben Einzelner. Fernandes betont, wie wichtig es ist, den Mut zum Sprechen zu behalten, selbst wenn das Umfeld erstmal skeptisch oder abwehrend reagiert.
Mit ihrer direkten Art knüpft sie die Hoffnung, dass der aktuelle gesellschaftliche Protest nicht wie ein kurzer Sturm abzieht, sondern einen bleibenden Wind der Veränderung entfacht. Denn alles andere würde die Erfahrungen der Betroffenen wieder zum Verstummen bringen.
Digitale Gewalt: Alltag allzu vieler Frauen
Wenn man ehrlich ist: Die Formen digitaler Gewalt, die Fernandes benennt, sind längst kein abstraktes Randproblem – vielmehr spiegeln sie einen Alltag wider, der von Bedrohungen, Überwachung, Bloßstellung und dem rücksichtslosen Teilen privater Informationen geprägt ist. Manchmal fragt man sich, warum das nicht schon längst mehr Aufmerksamkeit bekommt.
Die derzeitigen Proteste wirken wie ein Katalysator: Sie setzen ein Signal an die Politik, dass Wegsehen keine Option mehr ist. Für die Betroffenen – häufig ohne Namen, oft anonym unter uns – bedeutet Öffentlichkeit auch, dass die Schwellen für Hilfe und Anzeige niedriger werden könnten. Entscheidend ist: Der solidarische Austausch untereinander und mit der Gesellschaft bleibt ein Kern, der Ohnmacht verringern kann.
Warum der Widerspruch so laut bleibt
Es wäre einfach (und leider üblich) zu glauben, es gehe bei Gewalt gegen Frauen nur um wenige "Einzelfälle". Doch die Ablehnung, die Relativierungen, das wiederholte Misstrauen, das viele Betroffene erleben, machen deutlich: Es gibt strukturelle Muster, gegen die nur gemeinsamer Protest und mutiges Sprechen helfen. Fernandes bleibt dabei mit ihrer Mahnung unbequem und eindrücklich zugleich.