Erinnerung an Václav Havel – Reflexion eines widerspenstigen Humanisten
Langenwang – Vor 90 Jahren kam Václav Havel zur Welt. Schon 1966 schrieb er in seinem Essay "Über die dialektische Metaphysik" Sätze, die bis heute irritieren: „Sie gleicht einer übermächtigen Zentrifuge, verschlingt letztlich jeden Wert in einen verhexenden Strudel und zermalmt ihn Stück für Stück. Sie türmt ihren Gipfel in der Kunst, das Handfeste fortwährend zu übersehen, misst den Dingen absichtlich keine Bedeutung bei, blendet das Wirkliche weg; sie kennt nur sich selbst, verharrt stolz und ignorant in ihrem Schema und sucht in allem bloß bestätigenden Stoff für ihre eigene Theorie – für das Einordnen ins Raster interessiert sie sich überhaupt noch.“
heute 14:55 Uhr | 2 mal gelesen
Aber – was genau oder wen meinte Havel damals, 1966, mit diesem wenig schmeichelhaften "sie"? Die Redaktion von ethos.at hat genau diese Frage kürzlich aufgegriffen und beleuchtet (siehe "Havels Vorahnung"). Der Lebensweg Havels selbst liest sich teils wie ein Lehrbuch europäischer Tragödie und Hoffnung: erst die Fremdherrschaft der Nationalsozialisten, dann die Enteignung durch die Kommunisten, schließlich Prager Frühling samt sowjetischer Panzer – sein Ringen für Freiheit mündete später in die berühmte Samtene Revolution. 1990 dann schließlich auf den Hradschin, den Präsidentenstuhl – und bis 2003 Symbolfigur für ein anderes, offeneres Mitteleuropa. Sieht man auf sein Wirken zurück, kann einem der Gedanke kommen: Damals fürchtete man (2008, Finanzkrise) Weltuntergang, heute vergeht kaum eine Woche ohne neue Kriegsrhetorik. Europa steckt Unsummen ins Wettrüsten – und selbst Friedenspreise werden kurioserweise an Militärs vergeben, wie kürzlich an den NATO-Chef Rutte. Fast wirkt das wie ein düsterer Kreis: Havel, der Idealist, einst erster Träger des Westfälischen Friedenspreises, wird aufgezehrt von den Schatten, die er einst beschrieb. Wer Zeit findet: Die Tschechische Republik ist Gastland der aktuellen Frankfurter Buchmesse. Dort lebt Havel – jenseits der Panzer, in Büchern und Debatten – noch immer.
Václav Havel, geboren 1936 und verstorben 2011, prägte als Dramatiker, Dissident und später als tschechischer Präsident die Geschichte Mitteleuropas. Seine Reflexionen über die "Zentrifuge" der Ideologien sind heute aktueller denn je – ob im Rückblick auf autoritäre Systeme oder angesichts der politischen Aufrüstung Europas. Viele deutsche Medien beleuchten aktuell Havels Vermächtnis: Vom Einfluss seines Denkens auf heutige Bürgerrechtsbewegungen bis zur kritischen Auseinandersetzung mit seiner Skepsis gegenüber politischen Ideologien. Neuere Berichte betonen seine unnachgiebige Haltung für Dialog und Offenheit trotz zunehmender Radikalisierung in Europa. In aktuellen Beiträgen wird sein vorausschauender Skeptizismus gegenüber politischen Narrativen hervorgehoben – insbesondere vor dem Hintergrund neuerlicher Spannungen und eines Erstarkens militaristischer Debatten in der EU. Auch der symbolische Brückenschlag: Havel einst als Friedenspreisträger, heute das Prisma, unter dem Europas Umgang mit Krieg und Frieden kritisch betrachtet wird.