Evonik macht Ernst und schockt die Belegschaft sowie viele Industriebeobachter: 3.200 Arbeitsplätze will das Unternehmen global abbauen, davon gut zwei Drittel an heimischen Standorten. Man könnte fast sagen, das ist nicht nur ein Arbeitsplatzabbau, sondern ein massiver Einschnitt in die Struktur eines deutschen Traditionsbetriebs.
Kostendruck erzwingt Umbau
Der vorübergehende Vorstandschef Claus Rettig erklärt den Schritt mit einer "Polykrise" – ein Schlagwort, das irgendwie alles und nichts bedeutet, aber eben die Unsicherheiten der aktuellen Zeit spiegelt. Industrie macht sich rarer in Deutschland: Energiepreise, schwächelnde Nachfrage, globale Konkurrenz – alles mischt mit. Rettig will daraus keinen Untergang, sondern eine Gelegenheit zum Aufbruch machen. Er betont, Evonik sei gezwungen, die Kosten weiter zu drücken und alte Pfade zu verlassen. Klartext: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.
Neue Wege für alte Standorte
Was wird aus den deutschen Werken? Jedes der sechs großen soll ein eigenes, zukunftsfestes Profil bekommen – wie das konkret aussieht, bleibt etwas vage. Aber: Die ersten Schritte zur Neuausrichtung laufen wohl längst. Gleichzeitig lotet Evonik neue Chancen jenseits der deutschen Grenzen aus. Wachstumsphantasien gibt es vor allem für Asien und die USA – naheliegend, wenn man die globalen Märkte betrachtet.
Abschied von Hoffnungslosen
Evonik plant zudem, sich von Geschäftsbereichen zu trennen, für die kaum noch Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist. Details? Fehlanzeige, jedenfalls öffentlich. Aber intern wird wohl schon analysiert, welche Aktivitäten sich schlicht nicht mehr rechnen. Im Hintergrund wabert die Sorge der Belegschaft, dass ausgerechnet langgediente Bereiche plötzlich auf der Kippe stehen könnten.
Sozialverträgliche Lösungen?
Der geplante Personalabbau soll größtenteils ohne klassische Kündigungen ablaufen: Stellen werden einfach nicht nachbesetzt oder mit freiwilligen Abfindungen aufgelöst. Klingt nach sozialverträglich – in der Praxis bleibt abzuwarten, wie hart der Einschnitt für einige Belegschaftsgruppen doch wird. Am Ende zählt für viele vor Ort nur, was konkret aus ihrem Werk und Job wird. Nicht zu vergessen: Für Kunden und Partner wird sich zeigen, ob der neue Kurs auch dauerhaft die Wettbewerbsfähigkeit trägt.
Neues Gleichgewicht gesucht
Evonik trimmt sich nicht nur auf Effizienz, sondern peilt eine ausgewogenere regionale Verteilung von Umsatz und Aktivitäten an. Schon mittelfristig wird sich zeigen, ob der Konzern mit dieser Strategie nicht nur spart, sondern auch echte Wachstumschancen nutzt – oder ob am Ende doch mehr verloren als gewonnen wird. Persönlich frage ich mich, wie viel Optimierungsdruck ein Traditionsunternehmen eigentlich verträgt, bevor es sich selbst aus dem Zentrum der eigenen Geschichte verschiebt.