„Eigentlich ist es fast schon ein irrwitziges Dilemma“, meint Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: Der hohe Anteil von Frauen in Teilzeitjobs bremst Deutschlands Wirtschaftsleistung spürbar. Laut Fratzscher steckt dahinter eine verpasste Gelegenheit – und zwar für uns alle, nicht nur für die betroffenen Frauen. Zu viele Hürden – sei es fehlende Kinderbetreuung oder das Ehegattensplitting – halten Millionen daran fest, ihre Arbeitszeit nicht aufzustocken. Fratzscher findet dafür deutliche Worte: Auf dem Arbeitsmarkt blieb abertausenden Frauen nichts anderes übrig, als Kompromisse zu machen. Die Gesellschaft, nicht zuletzt auch die Männer, zahle dafür letztlich die Zeche: Denn eine höhere Erwerbsquote von Frauen könnte, so Berechnungen der EU, das Bruttoinlandsprodukt in Europa bis 2050 um satte zehn Prozent verbessern. Ein gewichtiger Hebel, der das deutsche Rentensystem langfristig stützen könnte – und bisher fast sträflich ignoriert werde.
Neben der strukturellen Benachteiligung – etwa durch unterschiedlich hohe Gehälter zwischen Männern und Frauen – sind es auch scheinbar „kleine“ Stellschrauben: Minijobs, die zur Sackgasse werden, oder die fehlende Verknüpfung von Beruf und Familienleben. Fratzscher bringt es auf den Punkt: „Richtige Gleichstellung? Davon sind wir noch weit entfernt.“ Offenbar fehle es bei politischen Entscheider*innen an echter Bereitschaft, das Thema entschlossen anzugehen, so seine ernüchternde Einschätzung. Auf Kosten von Wohlstand, Innovation – und Chancengleichheit.
Der Beitrag wirft die Frage auf, warum Deutschland wirtschaftliches Potenzial links liegen lässt – und wie vielschichtig die Ursachen sind. Forschungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen, dass die hohe Teilzeitquote von Frauen ein gewichtiger Wohlstandsverlust ist, der nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Altersvorsorge künftiger Generationen betrifft. Interessant ist dabei, dass laut aktuellen Studien des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE) eine Steigerung der weiblichen Erwerbstätigkeit nicht nur das Bruttoinlandsprodukt steigern, sondern auch zu höherer Resilienz auf dem Arbeitsmarkt führen würde. Darüber hinaus betonen Sozialforschende wie Jutta Allmendinger (WZB), dass gesellschaftliche und politische Hürden – von mangelnder Kinderbetreuung bis zu hartnäckigen Rollenbildern – viel nachhaltiger beseitigt werden müssten. Auch die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bestätigt, dass gleiche Chancen für Frauen direkte positive Effekte auf Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften haben. Insgesamt verdeutlichen diese Analysen: Deutschlands Gleichstellungspolitik tritt auf der Stelle, während andere europäische Länder mit besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf gezielt aufholen.