Dass Katharina Dröge als Fraktionsvorsitzende der Grünen plötzlich die Option einer grün-rot-roten Bundesregierung auf den Tisch legt, hätte vielleicht selbst eingefleischte Parteimitglieder überrascht – bisher war ein solches Bündnis nur eine Theorie. Jetzt sagt Dröge in einem Interview mit der 'Zeit', dass sich ihre Partei gemeinsam mit SPD und Linken vor allem bei Klima- und Sozialthemen stark machen könnte.
Vergiftete Kompromisse? Kritik an Merz' Kurs
Gleichzeitig nimmt sie sich CDU-Chef Friedrich Merz zur Brust. Dessen Kurs sieht Dröge als eine Reformpolitik, die nach oben umverteilt – also den Fokus auf die Stärksten der Gesellschaft legt. Gerechte Vermögenssteuern, bessere Mietregelungen und die Beseitigung von Kinderarmut – hier, so Dröge, sei nicht nur ihre Partei, sondern auch die breite Öffentlichkeit längst für weitergehende Maßnahmen bereit. Interessanterweise findet Dröge: Die gesellschaftliche "Mitte" ist eigentlich längst weiter links als gedacht. Trotzdem bleibt Schwarz-Grün für sie ein denkbares Szenario – fast ein klassisches Sowohl-als-auch.
Ein doppeltes Spiel: Strategische Breite
Für Dröge sind jetzt nicht nur Zahlen, sondern auch Geschichten wichtig: Nur Schwarz-Grün oder Grün-Rot-Rot hätten genug Sprengkraft für echte Aufbruchstimmung. Die große Koalition? Ein tristes Bild, das lediglich eine Art politischen Leerlaufs zeichnet. Angesichts neuer Umfragewerte – die Grünen um die 15 Prozent, SPD und Linke dicht dahinter – ist der Gedanke an eine linke Mehrheit plötzlich näher an der Realität als früher. Und: Die Union kann sich ihren kategorischen Ausschluss gegenüber AfD und Linken leisten, was die Lücke für eine Alternative größer werden lässt.
Kommt endlich Bewegung ins Spiel?
Bislang, so räumt Dröge ein, hätten die Grünen zu oft gezögert, wenn es um unkonventionelle Bündnisse ging. Sie will, dass sich die Partei künftig deutlicher positioniert – sowohl beim Verhandeln mit der Union, als auch in Richtung SPD und Linke. Beide Bündnisse wären für den Bund völliges Neuland und würden die Koalitionslandschaft kräftig aufmischen.
Mit diesem Schachzug bringt Dröge die Grünen in Stellung: Sollten die Umfragen nach der Wahl eine linke Mehrheit hergeben, möchte die Partei vorbereitet sein. Andererseits bleibt die Hintertür zur Union offen – Strategie statt Festlegung ist gefragt. Übrigens, das Lockerlassen bei Koalitionsfarben könnte manchen Wähler wachrütteln: Entscheidend wird, ob nicht nur die Stimmenverhältnisse, sondern auch die Bereitschaft zum Dialog am Ende den Ton angeben.
Was bleibt unklar?
Politische Mathematik ist das eine, Praxis das andere: Gerade im Bund hat weder eine grün-rot-rote noch eine schwarz-grüne Koalition bislang bestanden. Ob neben Klima, Sozialem und Steuern auch die heiklen Fragen von Sicherheit und Migration zu guten Kompromissen führen – das bleibt offen. Dennoch, Dröges Vorstoß könnte eine neue Dynamik in die Verhandlungen bringen. Der langerwartete Neustart wäre zumindest mal wieder Thema, nicht Tabu.