Ein unbequemes Szenario
Wer mit Götz Aly spricht, spürt die leise Unruhe zwischen den Zeilen. Der 79-jährige Historiker hat im 'Zeitmagazin' unlängst geäußert, ein neuerlicher Machtgewinn autoritärer Regime in Deutschland sei nicht ausgeschlossen. Eine Wiederholung des Holocaust hält er zwar für unwahrscheinlich, doch bleibt für ihn die grundsätzliche Anfälligkeit der menschlichen Natur bestehen – eine Perspektive, die einen kalt erwischen kann.Selbstbilder und Irrtümer
Aly duldet wenig Selbstgefälligkeit. Seiner Ansicht nach überschätzt sich die Gesellschaft heute gern in puncto Liberalität. Viele halten sich insgeheim für aufgeklärter als die Generationen vor ihnen, sind aber – dieser Gedanke lässt einen nicht ganz ruhig – womöglich gar nicht so viel widerständiger, wie sie denken.Wer ist eigentlich „der Deutsche“?
Wenn Erinnerungsorte wie die 'Topographie des Terrors' hauptsächlich auf staatliche Verbrecher-Silhouetten setzen, wird für Aly der Alltag ab 1933 ausgeblendet. Die stillen Mitmacher, die ihre Uniformen nicht offen trugen, werden zu oft unsichtbar gemacht. Dadurch verstärkt sich ein Bild, als hätten früher nur die fanatischen Täter Geschichte geschrieben – ein Irrtum, der in der eigenen Hybris münden kann.Kleine Zahnräder im Großen Getriebe
Aly spießt diesen blinden Fleck auf: Auch das unscheinbare Zustimmen, Weglachen oder Abwinken stützt autoritäre Herrschaftsformen. Autoritäre Regimes gedeihen nicht nur durch markige Parolen oder blanken Fanatismus, sondern durch Duldung, Routine und die Millionen kleinen Entscheidungen im Schatten des öffentlichen Raums. Im Grunde wirft Aly die Frage auf: Wieviel Alltagsmut braucht Demokratie, um nicht abzugleiten?Zurück in die Zukunft?
Unangenehm aktuell wird das Thema, wenn Aly auf die sozialen Mechanismen von Ausgrenzung, Gewaltakzeptanz und bereitwilligem Rechtsverzicht zu sprechen kommt – da kann einem schon unheimlich werden. Die gesellschaftliche Mitte, so sein Befund, hat es in der Hand: Nicht nur die Gesetze oder Politiker, sondern jeder Einzelne trägt in manchen Augenblicken Mitverantwortung für das politische Klima.Geschichte für die Gegenwart
Vielleicht, so der unausgesprochene Vorwurf, machen Gedenkstätten und Bildungsinstitutionen die NS-Vergangenheit manchmal zu glatt und unpersönlich. Wenn aber Täter, Mitläufer und Opportunisten gemeinsam ins Licht gerückt werden, kann daraus auch ein nüchterneres, weniger moralinsaures Erinnern erwachsen – und ein sensorisches Frühwarnsystem für die eigene Zeit.
Kritische Selbstreflexion gefordert
Götz Aly mahnt, die deutsche Gesellschaft solle sich nicht auf einem vermeintlichen Fortschritt ausruhen. Die Gefahr autoritärer Entwicklungen ist, so Aly, nicht gebannt – besonders dann nicht, wenn der alltägliche Mensch seine passive Rolle verleugnet oder verklärt.
Warnung vor kollektiver Selbstüberschätzung
Erinnerungsorte und Geschichtsvermittlung müssen auch aufzeigen, wie Normalität, Opportunismus und Wegschauen autoritäre Regimes stützen können.
Aktuelles Medienecho
Jüngste Artikel fügen die folgende Dimensionen hinzu: Die Süddeutsche Zeitung reflektiert über die emotionale Aufarbeitung nationalsozialistischer Geschichte und warnt vor dem Erstarken politischer Polarisierung in Europa, das auf den deutschen Diskurs abstrahlen könnte (
Quelle: Süddeutsche Zeitung). Die Zeit befasst sich kritisch mit dem Wandel der Gesellschaft im Umgang mit Erinnerung und stellt eine wachsende Gleichgültigkeit fest, insbesondere gegenüber rechter Rhetorik in öffentlichen Räumen (
Quelle: Die Zeit). Die FAZ rückt die Rolle sozialer Medien als Beschleuniger gesellschaftlicher Spaltungsprozesse in den Fokus und fragt, wie kollektives Geschichtsbewusstsein heute neu vermittelt werden kann (
Quelle: FAZ).