Zögerliche Politik gefährdet Jobs
Wer morgens einen Kaffee braucht, um in die Gänge zu kommen, wird sich über den aktuellen Zustand Europas womöglich wundern: Morten Wierod, Chef von ABB, klingt jedenfalls nicht wie jemand, der noch an Wunder glaubt. In einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ zeigte er sich ziemlich ernüchtert, was die Entschlossenheit der deutschen Politik betrifft.
Deutschlands Verantwortung – Große Töne, wenig Tempo
Deutschland stehe quasi wie ein Zugführer im Bahnhof – bereit, aber mit angezogener Handbremse. Wierod ist skeptisch, ob die notwendigen Modernisierungen wirklich zügig umgesetzt werden. Da Deutschland als stärkste Wirtschaftskraft in der EU den Takt vorgibt, sei die Erwartungshaltung hoch – und der Verzug umso riskanter.
Langsame Reformen, schwere Folgen
Was Wierod klar benennt (und damit auch vielen Beschäftigten Sorgen bereitet): Wenn sich nicht bald etwas Grundlegendes ändert, steuert Europa auf eine Welle von Arbeitslosigkeit zu. Besonders heimtückisch – die Negativspirale fällt meist erst Jahre später auf. Dann nämlich, wenn neue Werke und Innovationen längst in Asien oder Amerika stehen.
Wettbewerbsfähigkeit – eine Frage von Energie und Nachfrage
Der ABB-Chef ist überzeugt: Wachstum entsteht, wo Nachfrage lebt – und wo Energie bezahlbar ist. Während in USA und Fernost die Wirtschaft oft dynamischer tickt, leidet Europa unter schwacher Nachfrage und saftigen Energiepreisen. Nicht das Talent fehle hier, sondern die Lust auf Innovation – und vielleicht auch manchmal der Mut, Bürokratie über Bord zu werfen.
Streitpunkt Energie – Rückblick & Ausblick
Einen Stein in den deutschen Garten wirft Wierod dabei auch: Der Ausstieg aus der Atomenergie kommt aus seiner Sicht zur Unzeit. Angesichts eines steigenden Strombedarfs durch Digitalisierung und Industriewende brauchen Unternehmen verlässliche Quellen – alles andere sei ein riskantes Experiment.
Kleine, modulare Reaktoren sieht er als echte Zukunftschance. Sie könnten dort Strom liefern, wo er in riesigen Mengen gebraucht wird: etwa in Rechenzentren oder großen Fabriken.
Zukunfts-Check für Industrie und Regionen
Die Mahnung des ABB-Chefs trifft eine ohnehin angeschlagene Wirtschaft. Gaspreise klettern nach oben, die Zwänge für energieintensive Unternehmen wachsen genauso wie der Investitionsstau. Die Weichen, die heute gestellt werden, bestimmen letztlich, ob ganze Regionen langfristig wachsen – oder an Substanz verlieren.
Druck von allen Seiten: Energie, Bürokratie, neue Technologien
Es geht nicht bloß um ein bisschen Steuererleichterung. Die Herausforderungen reichen von Strompreisen über Fachkräftesicherung bis hin zur Anpassung an neue technologische Risiken. Wierods Stoßrichtung ist klar: Reformen müssen jetzt nicht nur schnell kommen, sondern auch die Basis für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit stärken – sonst fällt Europa zurück.
Sein Hinweis auf kleine Atomkraftwerke verdeutlicht, wie offen (und kontrovers) die Debatte geführt werden sollte. Für Deutschland bleibt es der Lackmustest: Gelingt es, Bürokratie, Energieversorgung und Investitionen so auszutarieren, dass der Wirtschaftsstandort bleibt, was er sein soll?
Warnung und Impuls
Morten Wierod malt ein Bild, das eher an ein rotes Warnsignal als an rosa Wolken erinnert: Ohne zügige und tiefgreifende Reformen drohen in Europa massive Arbeitsplatzverluste, weil Investoren andernorts bessere Bedingungen vorfinden.
Energie & Innovation im Fokus
Im Zentrum der Kritik stehen ausufernde Energiepreise, überbordende Regulierung und eine – aus Wierods Sicht – vorschnelle Abkehr von Kernenergie. Fortschritt passiere nicht auf dem Papier, sondern durch eine politische Kultur, die Tempo und Innovation zulässt.
Industrielandschaft am Scheideweg
Die Diskussion reiht sich ein in zahlreiche aktuelle Debatten um den deutschen und europäischen Industriestandort: Erst in dieser Woche berichteten deutsche Medien von neuen Stellenplänen bei großen Unternehmen und wachsenden Sorgen angesichts steigender Gaspreise und einer schwächelnden Nachfragekulisse. Wierods Forderung nach technologieoffenen Lösungen und entschlossener Politik stößt dabei auf einen Flickenteppich aus Einzelinteressen, politischen Maximen und gesellschaftlichem Nachdenklichsein – oder Zögern?
Internetsuche: Aktuelle Pressestimmen
- Die "FAZ" betont, wie schwer deutsche Industrieunternehmen derzeit unter den gestiegenen Energiepreisen sowie der Unsicherheit durch politische Vorgaben leiden und beschreibt die Debatte um Reformen als 'existenzielle Standortfrage' (
Quelle: FAZ).
- Die "Süddeutsche Zeitung" beschäftigt sich mit den Folgen der Energieknappheit für Deutschland und hebt die Dringlichkeit hervor, bestehende Verfahren zu vereinfachen – denn jede Woche Stillstand könne den Industriestandort weiter schwächen (
Quelle: Süddeutsche Zeitung).
- Auf "Spiegel Online" wird ausführlich erläutert, dass viele Betriebe zunehmend Aufträge aus dem Ausland bekommen, weil dort die Rahmenbedingungen attraktiver sind, und die Autoren warnen davor, dass ein fortgesetzt hoher Kostendruck langfristig nicht nur Stellen kostet, sondern auch Forschung und Innovation aus Europa abwandern lässt (
Quelle: Spiegel Online).
Ergänzende Recherche:
- Der neue "Energiewende Index" zeigt, dass Deutschland bei der Versorgungssicherheit und den Energiepreisen weiterhin hinter anderen Industrieländern zurückliegt. Gleichzeitig deuten laut "The Local" aktuelle Daten darauf hin, dass viele Mittelständler Investitionen zurückstellen oder ins Ausland verlagern, um steigenden Betriebskosten zu entgehen (
Quelle: The Local).