Manchmal hat man ja das Gefühl, Reformen wählen gern den schwierigsten aller Wege. Jedenfalls empfinden das derzeit zahlreiche deutsche Lebensmittelhersteller, von Mittelstand bis Großbetrieb. Gerade jetzt, wo alles auf 'netzdienlich' und klimafreundlich schwenkt, drängt eine ungewöhnlich geschlossene Allianz – immerhin 17 Verbände! – darauf, dass die neue Strom-Netzentgelt-Reform keine Fehlanreize setzt. Wer wissen will, was sie meinen: Viele Unternehmen wollen ihre Prozesse elektrifizieren oder Strom dann nutzen, wenn er reichlich und günstig vorhanden ist. Dafür brauchen sie aber handfeste Anreize und keine finanziellen Stolperfallen.
Bernhard J. Simon, Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, bringt es halb nüchtern, halb kämpferisch auf den Punkt: "Eine Netzentgeltreform, die Betriebe fürs richtige Verhalten bestraft, verfehlt ihr Ziel." Prozesswärme – oft noch mit Gas erzeugt – könnte durch flexible Stromnutzung deutlich klimafreundlicher werden, so OVID-Präsidentin Jaana Kleinschmit von Lengefeld. Doch wenn Investitionen ins Leere laufen, weil die Entgelte schlecht geregelt sind, verordnet man der Branche einen kolossalen Hemmschuh.
Zu den Forderungen gehören vor allem: Investitionen in Eigenstromnutzung und flexible Betriebsweise dürfen nicht verhindert werden, wenn das Netz dadurch profitiert. Also mehr Anreiz für Speicher, Hybridsysteme und smarte Steuerungen. Im Subtext schwingt mit: Wer die Ernährungsindustrie in Deutschland wichtig findet (immerhin versorgt sie Millionen Menschen und ist ein Jobmotor), sollte das Regelwerk nicht zum Hauen und Stechen machen. Denn, das zeigt auch eine Fraunhofer-Studie, technisch wäre die Elektrifizierung vieler Abläufe absolut machbar – wenn der regulatorische Boden stimmt.
Details und Zahlen gibt es übrigens im Positionspapier auf der Website des OVID-Verbandes. Man fragt sich unwillkürlich: Wird all das bei der Energiewendepolitik eigentlich wirklich mitgedacht? Oder ist dieses Positionspapier bloß eins auf vielen, das im Papierstapel verschwindet? Wir werden sehen.
Die Verbändeallianz ‚Energieintensive Ernährungsindustrie‘ fordert von der aktuellen Netzentgelt-Reform klar messbare Vorteile für Unternehmen, die auf Elektrifizierung umstellen und flexibel Strom verbrauchen. Hintergrund: Die Ernährungsindustrie zählt 6.100 Betriebe, ist Deutschlands drittgrößter Industriezweig und steckt noch in vielen Bereichen bei der Elektrifizierung fest – vor allem wegen zu hoher Energiepreise und unsicherer Investitionsbedingungen. Laut aktuellen Internet-Quellen wird in Branchenkreisen weiterhin diskutiert, wie die geplanten Netzentgelte ausgestaltet werden sollten, damit industrielle Verbraucher und insbesondere mittelständische Firmen nicht benachteiligt werden. Einige Stimmen warnen zudem, dass die Energiewende nicht auf dem Rücken einzelner Sektoren ausgetragen werden dürfe und fordern mehr politische Klarheit und Planungssicherheit. Im parlamentarischen Raum finden derzeit Gespräche zwischen Regierung, Industrievertretern und Netzbetreibern statt, wobei insbesondere die Frage nach fairer Lastenverteilung, Anreizen für Flexibilität und dem Schutz mittelständischer Betriebe debattiert wird. Klimaziele, Versorgungssicherheit und internationale Wettbewerbsfähigkeit bilden das Spannungsfeld.