Europas Strategie gegenüber Trump: Mehr Mut, weniger Harmonie?
Manchmal frage ich mich, wie viel von internationaler Politik einfach Psychologie ist – oder Theater. Anthony Scaramucci, der für eine kurze, turbulente Zeit das Sprachrohr Trumps war, hält jedenfalls wenig davon, mit Samthandschuhen auf den Ex-Präsidenten zuzugehen.Er fordert von Europas Spitzenpolitikern im Gespräch mit der „Welt am Sonntag“: Seid kompromisslos, zeigt Zähne – Trump nehme nur diejenigen ernst, die ihm Paroli bieten.
Rutte als Paradebeispiel für falsche Diplomatie?
Interessant fand ich seine Unterscheidung: Mark Rutte, derzeit NATO-Generalsekretär, steht für Konsens – vielleicht zu viel davon. Dagegen wird der kanadische Premier Mark Carney von Scaramucci als Gegenbild vorgestellt: standfest, unbeugsam im Streit mit den USA. In den Augen des Ex-Kommunikationschefs ein klares Plädoyer gegen Anbiederung.Mich erinnert das ein wenig an alte Schulhofdynamiken – dem Lautesten beuge man sich besser nicht. Zutreffend? Vielleicht zu einfach, aber das Muster zieht sich durch heutige Politik.
Trumps Russlandpolitik: Nur noch Kopfschütteln?
Den Vogel schießt Scaramucci aber ab, wenn es um Trumps Beziehung zu Russland geht. Er unterstellt, Trump mache gemeinsame Sache mit Putin – was natürlich nur ein schwer zu beweisender Verdacht bleibt. Dennoch, die Faktenlage ist brisant: Trump verkündete mitten im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine einen Diesel-Deal mit Moskau; die Sanktionen ließ er kurzerhand per Dekret ruhen. Dass daraufhin kaum Widerspruch aus seiner Partei kam, kritisierte Scaramucci scharf.Große Unsicherheit für Europas Politik
Was das alles für Europa bedeutet? Ein Drahtseilakt. Die USA sind unverzichtbar für europäische Sicherheit und NATO – gleichzeitig stehen sie zum Teil für sprunghafte Außenpolitik, von der sich Europas Länder nicht gänzlich vereinnahmen lassen wollen. Und doch kann es sich kaum einer leisten, querzuschießen.Russland-Deal als Warnsignal
Dass der aktuelle Streit um russischen Diesel und ausgesetzte Sanktionen so hohe Wellen schlägt, erklärt sich von selbst. Es geht nicht nur um Energie, sondern auch um den Zusammenhalt des Westens gegenüber Putins Russland. Scaramuccis Unterstellung gegen Trump bleibt vage – die politische Brisanz ist es aber umso weniger.Wie Europas Regierungschefs darauf reagieren werden, ist offen. Der Spagat wird immer schwieriger, zumal nationale Interessen bei Handel, Energie und Militär selten deckungsgleich sind. Zugeständnisse an Washington bergen innenpolitisch oft Sprengkraft – und außenpolitisch die Sorge, als Juniorpartner zu erscheinen.