Das, was am 15. August 2023 am Münchner Flughafen mit der Boeing 787-9 von Vietnam Airlines passierte, liest sich fast wie aus einem Lehrbuch für haarsträubende Zwischenfälle: Die Maschine bremste während des Startvorgangs mehrfach – hebt letztlich erst weit hinter dem eigentlichen Ende der Startbahn vom Boden ab.
Ungewöhnliche Bremsspuren beim Start
An Bord saßen ganze 271 Fluggäste, unterstützt von zwölf Crew-Mitgliedern und vier Piloten – zum Glück gab es keine Verletzten. Manche vergleichen diese Nervenprobe mit dem Gefühl, im Kino auf das große Finale zu warten und plötzlich geht der Projektor aus.
Was war passiert? Die Piloten betätigten bereits vor der Rotation die Bremsen, wie Reifenspuren auf der Piste zeigen. 240 Meter lang zog sich die Spur sogar ins Gras, jenseits der Bahn.
Kollision jenseits des Asphalts
Das war schon mehr als ein simpler Zwischenfall: Die Maschine schrammte mit Hinterteil und Reifen gegen Elemente der Anflugbeleuchtung, dabei gingen 20 Lampen zu Bruch und das Flugzeug trug selbst deutliche Blessuren davon. Das Pikante: Die vorgesehene Entscheidungsgeschwindigkeit (V1) war da eigentlich schon überschritten – allerdings nicht auf Asphalt, sondern erst nach dem Abheben und nach dem Crash.
Erst 4,5 Meter nach dem Take-off wurde der automatische Strömungsabrissschutz aktiviert, Flaps fuhren aus, der Anstellwinkel stieg auf 14 Grad. Die Crew schaltete in den Go-Around-Modus.
Rückflug mit Ballastabwurf
Die Piloten entschieden sich für das Pflichtprogramm: Stiegen auf 7.000 Fuß, setzten einen Notruf ab, ließen 62 Tonnen Kerosin ab, um das Landegewicht zu drücken. Nach zwei Überflügen – jeweils mit ausgefahrenem Fahrwerk – setzte die Boeing sicher wieder auf. Vier Reifen waren am Ende hinüber.
Die Kommandoübernahme wechselte währenddessen vom erfahrenen Kapitän (über 27.000 Flugstunden) auf einen Kollegen mit 55 Jahren, während ein dritter Copilot passiv im Cockpit blieb. Solche Abstimmungsprozesse kann man sich lebhaft vorstellen – Stresslevel inklusive.
Fehlende Aufzeichnung, viele Fragen
Die BFU beschäftigt sich nun eingehend mit den elektronischen Steuergeräten der Bremsanlage. Noch gibt es keinen abschließenden Schuldigen – weder Mensch noch Maschine ist aus dem Schneider. Knifflig: Die Cockpit Voice Recorder-Aufnahme des Startlaufs existiert nicht mehr, ist wegen des langen Rückflugs überschrieben.
Für die Sicherheitsanalyse entscheidend: Die Piloten hatten kaum noch die Option zum regulären Startabbruch. Der automatische Stall-Schutz setzte knapp über dem Boden ein. Unterm Strich zwar keine Verletzten, aber nennenswerte Schäden am Flugzeug und auf dem Flugfeld.
Daten, Spuren, Rekonstruktion im Fokus
Woran lag es wirklich? Die BFU wartet mit Fakten auf, liefert aber keine endgültigen Erklärungen. Ob Technikversagen oder menschliches Versagen oder eine fatale Verkettung beider Aspekte – das bleibt (vorerst) offen. Nur eines ist klar: Ohne die eingefleischte Kombination aus Datenschreiber, Bodenbelegen und Technikprüfung wäre vermutlich kaum rekonstruierbar, wie sich diese Episode überhaupt so entwickeln konnte.
Wiederkehrende Zweifel am System – und an der Routine?
Der Zwischenbericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung rekonstruiert präzise den Ablauf des Vorfalls in München, verzichtet dabei jedoch auf Schuldzuweisungen. Zentral bleibt die Ursache: Ein technischer Defekt am Bremssystem oder ein Bedienfehler der Cockpit-Besatzung? Die elektronische Auswertung der Teile läuft, doch das Fehlen der Cockpit-Tonaufnahmen erschwert die Suche nach dem auslösenden Moment.
Weitere Hintergründe aus internationalen Quellen
Aktuelle Artikel etwa aus der FAZ und Süddeutschen Zeitung weisen darauf hin, dass Startabbrüche außerhalb der Norm physikalische, aber auch psychologische Grenzen der Pilotinnen und Piloten ausloten. Investigative Berichte beleuchten, wie globale Flottenbetreiber nach der 737-Max-Krise auch anderen Boeing-Modellen kritisch begegnen. Fragen zur Zuverlässigkeit von Sensorik und elektronischen Steuerketten werden international immer lauter, zumal es einen weitreichenden Vertrauensverlust bei Passagieren gebe.
Ermittlungen mit breiten Auswirkungen
Das finale Untersuchungsergebnis wird mit Spannung erwartet, weil es sowohl sicherheitsrelevante Lehren für Airlines als auch mögliche technische Rückrufe für die Boeing 787-9 bringen könnte. Die offene Kommunikation der Behörden, der bisher ausgebliebene Personenschaden und die außergewöhnliche Reihe von Bremsaktionen rücken das Ereignis in den Fokus der internationalen Luftfahrt. Laut internationalen Berichten ist dies nicht der erste Vorfall eines ungewöhnlichen Startabbruchs bei Großraumflugzeugen – erinnerte Beobachter an die sorglosen Zeiten, als solche Vorfälle in Europa noch kaum denkbar schienen.
Zusätzliche Perspektiven aus neuen Medienberichten:
- Die Süddeutsche Zeitung beschreibt in einem aktuellen Hintergrund, wie der Vorfall mit der Vietnam-Airlines-Maschine Diskussionen über die Automatisierung im Cockpit und die oft unterschätzte Fehleranfälligkeit von Brems- und Leitsystemen in Gang setzt (Quelle: Süddeutsche.de).
- Die FAZ analysiert kritisch, welche Auswirkungen der Zwischenfall auf internationale Flugaufsichtsbehörden und die Wartungsvorgaben für moderne Boeing-Maschinen haben könnte (Quelle: FAZ.net).
- Die taz bespricht in einer aktuellen Reportage, wie die psychologische Belastung in Extremsituationen in Cockpits unterschätzt wird und fordert offenere Fehlerkultur im Luftfahrtbetrieb (Quelle: taz.de).