Es ist schon fast ein kleines politisches Erdbeben: In Sachsen rauscht die AfD in der jüngsten Insa-Umfrage auf satte 42 Prozent nach oben. Das sind sieben Prozentpunkte mehr als noch im Juni des Vorjahres – eine Steigerung, die, gelinde gesagt, für Gesprächsstoff sorgt. Interessant daran: Über Monate hatte kein großes Umfrageinstitut neue Zahlen für Sachsen veröffentlicht. Nun stehen alle staunend vor diesem Ergebnis.
Verlieren musste vor allem die CDU von Michael Kretschmer, die nun nur noch auf 21 Prozent kommt – ein Minus von fünf Punkten. Die BSW verliert vier Prozent auf sieben Prozent, SPD und Grüne stagnieren bei jeweils sechs Prozent, während die Linke sich mit neun Prozent hält. Der Rest: Neun Prozent teilen sich kleinere Parteien. Bemerkenswert (oder auch ein bisschen beunruhigend): Fast jeder zweite Sachse (49 Prozent) hat entweder bereits AfD gewählt oder kann sich vorstellen, dies künftig zu tun. Lediglich 39 Prozent möchten die Partei für sich kategorisch ausschließen. Ein bisher nie gemessener Tiefstand. Für die CDU ist der Ausblick kaum erfreulicher: Ihr maximales Wählerpotenzial liegt laut Insa nur noch bei 36 Prozent – und sogar gut die Hälfte ihrer potenziellen Basis schielt momentan zur AfD.
Interessant – fast paradox: Wäre die Ministerpräsidentenwahl eine Direktentscheidung, bekäme Kretschmer weiter deutlich mehr Zuspruch als sein AfD-Kontrahent Jörg Urban: 44 Prozent der Befragten würden Kretschmer wählen, 20 Prozent Urban – aber beachtliche 22 Prozent wollen überhaupt keinen der beiden. Der Zuspruch für Kretschmer kommt besonders aus den Reihen von CDU, SPD, Grünen und Linken – allerdings ist die Zahl der Zufriedenen vergleichsweise mager: Nur 35 Prozent äußern positive Gefühle, 58 Prozent zeigen sich eher frustriert.
Noch düsterer fällt das Urteil über die Bundesregierung aus – ein Wert, der für ernste Nachdenklichkeit sorgt: Satte 85 Prozent sind mit der Arbeit der Regierung unzufrieden. Gerade einmal zwölf Prozent behaupten das Gegenteil. Besonders heikel: Drei Viertel der Befragten haben mittlerweile das Vertrauen in den gestalterischen Einfluss von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) eingebüßt – positive Stimmen findet man mit der Lupe (vier Prozent). Befragt wurden 1.000 Sachsen im Zeitraum vom 13. bis 20. Mai. Auftraggeber der Erhebung ist das umstrittene Portal 'Nius' – man erinnert sich, es wird von Ex-Bild-Chef Julian Reichelt betrieben. Das gibt der Veröffentlichung eine gewisse Note von Skepsis – aber die Ergebnisse werden auch andernorts heiß diskutiert.
Die aktuelle Insa-Umfrage bescheinigt der AfD im politisch umkämpften Sachsen mit 42 Prozent ein historisches Hoch. Traditionelle Parteien wie CDU, SPD, Grüne und Linke bleiben weit zurück, während die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung Rekordwerte erreicht und das Vertrauen in Bundeskanzler Merz rapide abnimmt. Kritisch diskutiert wird zudem, dass das zugrunde liegende Meinungsbild von 'Nius', einem recht umstrittenen Medium, in Auftrag gegeben wurde.
Im Kontext der Recherche berichten Medien wie die Süddeutsche über ähnliche Umfragetendenzen im Osten und verweisen auf Ängste vieler Bürger vor gesellschaftlichen Veränderungen und den Bedeutungsverlust klassischer Parteien. Die Zeit hebt die Gefahr der politischen Fragmentierung und das Wachstum von Protestparteien hervor, die regionalen und sozialen Spaltungen weiter befeuern könnten. taz analysiert die tiefgreifende Frustration vieler Menschen angesichts politischer Parallelwelten und einen möglichen Rückzug der demokratischen Mitte – was den Aufstieg populistischer Bewegungen zusätzlich anschiebt.
Aktuelle Stimmen in den seriösen Medien warnen davor, einfache Erklärungen für das Erstarken der AfD zu akzeptieren und mahnen zu differenzierter Analyse: Ökonomische Unsicherheit, Verlust von Vertrauen in traditionelle Institutionen, Konflikte um Migration und Identität sowie das Gefühl, 'nicht gehört' zu werden, spiegeln sich in solchen Umfragen wider.