„Dass wir die Auswirkungen der Energiepreise nicht einfach ignorieren können, liegt auf der Hand“, erklärte Nagel gegenüber dem Handelsblatt in der Mittwochsausgabe. Aus seiner Sicht spricht vieles dafür, dass ein höheres Zinsniveau bald ziemlich unausweichlich wird – vorausgesetzt, an der Inflation ändert sich nicht plötzlich Grundlegendes. Auffällig sei, so Nagel weiter, dass die Erwartungen an die Teuerungsrate zuletzt erheblich gestiegen sind. Selbst bei einer baldigen Entspannung im Ukraine-Krieg könne das Preisniveau weiter hoch bleiben – länger als noch vor kurzem angenommen. Der Bundesbankchef führte dafür verschiedene Ursachen an: beschädigte Raffinerien, niedrige Vorräte, logistische Störungen und wachsende Unsicherheiten auf geopolitischer Ebene – eine eher ungünstige Mischung. Die Forderung nach höheren Leitzinsen verteidigte Nagel auch gegen die Kritik jener Ökonominnen, die die schwächelnde Wirtschaft ins Feld führen. Natürlich möge niemand hohe Zinsen, wenn Wachstum schwach ist. Aber der Job der Europäischen Zentralbank sei letztlich, für stabile Preise zu sorgen. Langfristig, so Nagels Argument, sei es am besten für alle, wenn die Notenbank glaubhaft signalisiere, dass das 2-Prozent-Inflationsziel wirklich zählt. Laut Nagel nähert sich die Eurozone immer mehr dem Negativszenario der EZB aus Mitte März an. Er merkte an, dass selbst dem damals angenommenen Basisfall bereits zwei Zinserhöhungen zugrunde lagen – diese Erwartung sei im Frühjahr schließlich auch an den Märkten sichtbar gewesen.
Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank, sieht angesichts anhaltend hoher Energiepreise und einer nur zögerlich sinkenden Inflation einen deutlich steigenden Druck zu Zinserhöhungen durch die Europäische Zentralbank (EZB). Obwohl die Wirtschaft weiterhin schwächelt, betont Nagel, dass die langfristige Glaubwürdigkeit der Geldpolitik und die Einhaltung des Inflationsziels Vorrang vor kurzfristigen Konjunktursorgen haben sollten. Zusätzlich weisen aktuelle Einschätzungen darauf hin, dass die geopolitisch und strukturell bedingte Knappheit im Energiesektor und gestörte Lieferketten die Teuerung länger hochhalten könnten, selbst im Falle eines schnellen Endes des Ukraine-Kriegs. In den letzten Tagen bestätigten neue Berichte, dass sowohl im Rat der EZB als auch unter Wirtschaftswissenschaftlern die Debatte um die Dringlichkeit von Zinsschritten weiter an Schärfe gewinnt. Experten sehen dabei die Gefahr, dass zu spätes Handeln das Vertrauen in die Geldwertstabilität nachhaltig erschüttert, während eine vorschnelle Straffung die ohnehin schwache Konjunktur zusätzlich belastet.