Wenn ich ehrlich bin, bin ich ja eher skeptisch, wenn es um starre Vorgaben geht. Genau das hat auch Thorsten Frei betont, als er am Montag vor laufender Kamera mit einer gewissen Gelassenheit meinte: "Beides sollte möglich sein." Es liege ihm fern, dass jetzt jemand vom Amt des Bundespräsidenten ausgeschlossen werde, nur weil er - oder sie - kein bestimmtes Geschlecht habe. Der Vorschlag, es müsse diesmal zwingend eine Frau sein, hält er für zu apodiktisch und für wenig zielführend – er möchte lieber Offenheit und das berühmte "Abwägen im richtigen Moment" sehen. Besonders interessant finde ich, wie Frei auf die laufende Debatte rund um Personalvorschläge, etwa von CSU-Chef Markus Söder, reagiert: Mit dem nötigen Abstand, fast schon vorsichtig, plädiert er für Zurückhaltung und erst einmal abwarten, bis nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern überhaupt die Zusammensetzung der Bundesversammlung klar ist. Denn letztlich, so Frei, zeigt sich erst dann, welches Kräfteverhältnis tatsächlich existiert. Er verweist auf den Respekt vor dem amtierenden Bundespräsidenten und warnt, dass wir keine unnötigen Diskussionen brauchen – schon gar keine, die polarisieren. Die eigentliche Frage sei doch, wer klug genug ist, der Demokratie Halt zu geben – und nicht, welches Geschlecht im Pass steht.
Aus Frei’s Sicht ist es ein Fehler, die Wahl des Bundespräsidenten von vornherein auf ein bestimmtes Geschlecht festzulegen. Der Unions-Fraktionschef verweist auf die anstehenden Landtagswahlen und möchte, dass erst danach die Gespräche über geeignete Kandidaten geführt werden – auch aus Respekt gegenüber dem aktuellen Amtsinhaber Steinmeier. Das Hauptkriterium für Frei bleibt die Eignung der Person für das Amt als Stabilitätsfaktor der Gesellschaft, nicht das Geschlecht.
Neuerdings ist auch in Medien wie der ZEIT und der taz zu lesen, wie hitzig über die mangelnde weibliche Repräsentation in Spitzenämtern diskutiert wird, wobei sich viele Stimmen für eine Bundespräsidentin aussprechen. Gleichzeitig ist es aber bemerkenswert, wie einige – unter anderem aus konservativen Kreisen – vor einer kurzsichtigen Symbolpolitik warnen, die am Ende mehr spaltet als eint. Die Debatte entwickelt sich dabei immer stärker zu einer Grundsatzdiskussion über Chancengleichheit und über die Frage, ob Repräsentation tatsächlich durch Quoten erzwungen werden sollte oder durch offene Auswahlprozesse entstehen müsste.