EU-Vorgaben unter Realitätscheck
Schon im ersten Satz merkt man, wie sich die Gemengelage zuspitzt: Daimler Trucks Vorstand Achim Puchert hält den aktuellen Vertrag zwischen politischen Ambitionen und handfester Praxis für schief. Er spricht offen davon, dass die strengen CO2-Auflagen für Lkw-Hersteller nicht isoliert betrachtet werden dürften, sondern direkt an die Infrastrukturentwicklung gekoppelt sein sollten – eine Einschätzung, die selten so klar formuliert wird.Bremst das Ladenetz die Klimawende?
Puchert räumt ein: „Wir bauen die Fahrzeuge. Nur beim Strom und den Ladepunkten kommen wir nicht aus dem Schneckentempo.“ Klingt fast wie ein Hilferuf, oder zumindest wie eine Stoßgebet Richtung Brüssel. Wenn es an Ladepunkten und leistungsfähigen Netzen mangelt, sei es schlicht unfair, die Hersteller bei Zielverfehlungen zur Kasse zu bitten – so sieht es zumindest der Vorstand.Zudem steht viel auf dem Spiel: Strafzahlungen in Millionenhöhe bedrohen den Spielraum für ganz normale Investitionen. Im selben Atemzug versichert Puchert, natürlich stehe Daimler Truck zum europäischen Klimaschutzziel – aber eben nicht zu allen Bedingungen.
Der Flaschenhals: Strom – nicht Technik
Marktanteile von Elektro-Lastwagen bleiben bisher auf niedrigem Niveau. Nicht, weil die Technologien fehlen (die Hersteller haben längst ganze Modellfamilien im Programm), sondern weil die „äußeren Umstände“ nicht stimmen. Wie so oft im Verkehrswesen entscheidet das Setting drumherum – und das ist eben nach wie vor lückenhaft: zu wenig Ladepunkte für die dicken Brummis, und Strompreise, die oft keinen rechten Vorteil zum Diesel ermöglichen.Spagat zwischen Europa und China
Was in Europa bremst, läuft andernorts besser. Puchert verweist – wenig überraschend – auf China, wo der Staat Infrastruktur, Energieversorgung und Flottenziele aus einer Hand orchestriert. In Europa dagegen bleibt vieles Stückwerk; zu viele Player, zu viele Baustellen.Gerade für Speditionen, die ihre Touren auf Effizienz trimmen müssen, ist das ein echtes Problem: Ohne verlässlichen „Strom-Tankstellen“-Rhythmus verkommt der Traum vom E-Lkw zur Planspielerei. Was bringen beste Technik und abgesicherte Lieferfähigkeit, wenn es am Schuko-Anschluss für 40-Tonner fehlt?
Laden, rechnen, überleben
Für Spediteure ist unterm Strich das entscheidend, was im Kassenbuch landet: Strompreise, Ladezeiten und Standortdichte müssen stimmen, sonst bleibt der Diesel das Maß der Dinge. Und tatsächlich: Debatten, wie stark Politik Vorgaben an Infrastruktur koppeln sollte, sind kein Luxusproblem der Industrie – es geht ans Eingemachte. Denn am Ende trägt nicht der Hersteller allein das Risiko für zu wenige Ladestationen, sondern meistens der letzte Glied der Transportkette – und das sind nicht selten wir alle als Konsumenten.