Shida Bazyar gewinnt 2024 den renommierten Deutschen Buchpreis mit ihrem Roman „Die Lücken“. Diese Ehrung wurde, wie in den Jahren zuvor, unmittelbar vor dem Auftakt der Frankfurter Buchmesse bekanntgegeben.
Unbequeme Erinnerungen aufdecken
Die Buchpreis-Jury betonte bei ihrer Entscheidung, wie eindringlich Bazyar „blinde Flecken in der deutschen Geschichte“ beleuchtet. Ihr Roman fächert das Thema Erinnerung auf und verschränkt dabei Erzählungen von jüdischen Familien, NS-Tätern und Schutzsuchenden aus dem Kurden- und Iran-Kontext, die in Deutschland eine neue Heimat suchen.
Bemerkenswert ist, wie das Buch den Finger in offene Wunden legt: Historische Schuld und ihre Verdrängung treten im Wechselspiel mit aktuellen Migrationsgeschichten auf. Die Auszeichnung hebt somit einen Roman hervor, der die Komplexität deutscher Identitäten und Vergangenheitsbewältigung klug verhandelt.
Bazyars Herkunft und literarischer Werdegang
Bazyar, geboren 1988 in einer kleinen Stadt in Rheinland-Pfalz, ist selbst geprägt durch Fluchterfahrung und Aktivismus ihrer Eltern, die nach der Flucht aus dem Iran eine zweite Heimat in Deutschland fanden. Ihre eigenen Erfahrungen fließen fast organisch in ihre Texte ein – kein Wunder, dass sie sich schon früh literarisch mit Fragen des Ankommens und Dazwischenseins befasste, schon im 2016 erschienenen Debüt „Nachts ist es leise in Teheran“.
Das Neuwerk „Die Lücken“ knüpft lose daran an und eröffnet dabei größere, gesellschaftliche Räume. Bazyars Stil ist dabei, ganz nebenbei, keine glatte Konstruktion – man spürt, dass hier jemand schreibt, dem das literarische Experiment wichtiger ist als formale Perfektion.
Roman als Spiegel geteilter Erinnerungen
In „Die Lücken“ durchdringen sich verschiedene Stimmen, Biografien und Zeiten: Da sind Überlebende und Nachfahren jüdischer Familien, Erzählungen über stillschweigende Mittäter des NS-Regimes und Geschichten von Migrant:innen, die heute im Land Schutz suchen. Der Roman zeigt damit, dass Zugehörigkeit oft ein prekäres Gleichgewicht zwischen Fremdheit und Verbindlichkeit ist.
Interessant ist auch, dass Bazyar nicht nur literarisch, sondern quasi kulturell Brücken baut. Die Auszeichnung stellt sicher, dass „Die Lücken“ noch viel stärker Eingang in laufende Debatten über das Erinnern und Vergessen, Migration und Identität finden wird. Dass das Buch spätestens jetzt nicht mehr an den Buchhandlungen vorbeigehen dürfte, liegt auf der Hand.
Vergangenheit heute – und was bleibt
Bazayrs persönlicher Zugang – eben die Tochter geflohener Aktivisten zu sein, die aus dem Iran nach Deutschland kamen – gibt ihrem Blick eine zusätzliche Dichte. Ihre Bücher oszillieren zwischen kollektiver Erinnerungsarbeit und individueller Spurensuche. Selten wirkt die literarische Auseinandersetzung derart nahbar und politisch zugleich.
Man könnte meinen, dass mit dem Deutschen Buchpreis ein zu „ernster“ Roman ausgezeichnet wurde, aber vielleicht ist das ja gerade notwendig. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass „Die Lücken“ in vielen Leserkreisen dafür sorgt, dass kontroverse und ehrliche Gespräche über deutsche Vergangenheit und Gegenwart endlich geführt werden.