Freiheit, Wohlstand, Sicherheit – es fühlt sich nicht mehr selbstverständlich an. Die Routinen der Vergangenheit, diese scheinbar festen Ordnungen, beginnen zu bröckeln. So formulieren es Peter Leibinger vom BDI, Christiane Benner (IG Metall) und Michael Vassiliadis (IGBCE) in einem Meinungsbeitrag im 'Handelsblatt'. Ganz kurz bevor der Koalitionsausschuss tagt, mahnen sie: Deutschland braucht endlich einen mutigen Neuaufbruch, einen Aufbruch, der mehr ist als nur Symbolpolitik. Sie fordern die Regierung ausdrücklich dazu auf, das Land mit einer optimistischen Zukunftsvision zu führen – und nicht mehr in parteipolitischen Schützengräben zu verharren. Der übliche Lagerkampf zwischen Verbänden, Parteien und anderen Gruppen bringe niemanden weiter, so der Tenor. Alle seien gefordert, alte Muster kritisch zu hinterfragen und sich auf Neues einzulassen, egal wie unbequem das im ersten Moment erscheint. "Wir müssen mehr wollen, mehr wagen und auch leisten." Und: Sie signalisieren die Bereitschaft, sich gemeinsam für ein modernes, leistungsfähiges Deutschland einzusetzen – Ziel ist es nicht zuletzt, staatliche Kosten zu verringern und die Produktivität spürbar anzukurbeln. Das klingt, als wollten sie keine Ausreden mehr hören. Ob’s der Start eines echten Jahrzehnts des Aufbruchs wird? Mit einer Portion Skepsis und Zuversicht zugleich wird man das wohl beobachten.
Der Appell von Leibinger, Benner und Vassiliadis fällt in eine Zeit, in der die deutsche Wirtschaft vor multiplen Krisen steht: Von einer anhaltenden Industrie-Schwäche über hohe Energiepreise bis hin zu globalen Unsicherheiten, etwa dem zunehmenden Protektionismus und geopolitischen Spannungen. Der Diskurs über ein sogenanntes 'Wirtschaftswunder 2.0' wird lauter – sowohl Unternehmenschefs als auch Gewerkschaften warnen davor, dass klassische Rezepturen zu kurz greifen und Innovation statt Verwaltung gefragt sei. Neuere Analysen zeigen zudem, dass sowohl Arbeitsmarkt als auch Investitionen in Zukunftstechnologien stagnieren; Handlungsdruck kommt mittlerweile aus nahezu allen gesellschaftlichen Lagern.