Hochwasserschutz in Deutschland: Fünf Jahre nach der Ahrtal-Flut – Alarmierende Defizite und politische Versäumnisse

Berlin – Seit der verheerenden Flut im Ahrtal sind fünf Jahre vergangen. Eine aktuelle Studie des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) deckt nun auf: Deutschlands Schutz vor Überschwemmungen hinkt nach wie vor erschreckend hinterher – und wertvolle Überschwemmungsflächen fallen nach wie vor dem Städtebau und der Infrastruktur zum Opfer. Besonders deutlich ist der Raumverlust der Flüsse: Rund zwei Drittel ihres natürlichen Überschwemmungsraums sind in Deutschland verloren, wobei einzelne Bundesländer teils noch schlechter dastehen.

heute 06:06 Uhr | 2 mal gelesen

Der Klimawandel bringt eine gravierende Zunahme von Starkregen, der über beheizte Ozeane und Meere zustande kommt – das weiß mittlerweile fast jeder. Aber was bedeutet das konkret für das Hochwasser-Risiko in Deutschland? Die aktuelle BUND-Analyse ist da eine ernüchternde Lektüre: Zwischen 2014 und 2024 wurden pro Jahr zwar durchschnittlich 301 Millionen Euro für Deiche und technische Eingriffe ausgegeben, aber Deichrückverlegungen, die mehr natürlichen Rückhalteraum schaffen könnten, bekamen im selben Zeitraum verschwindend geringe Mittel – ein Siebtel davon.

Dr. Verena Graichen vom BUND mahnt: 'Die Ahrtal-Flut hat uns eigentlich vor Augen geführt, wie dringend wir umsteuern müssen. Trotzdem werden immer noch viele Flächen – teils sogar Überschwemmungsflächen – bebaut oder versiegelt. Dabei ist die rein technische Sicherung nicht nur teuer und letztlich unzureichend: Wir entwässern unsere Landschaften so stark, dass im Sommer das Wasser fehlt.'

Kaum noch naturnahe Flussaue in Deutschland: Aktuell ist nur noch etwa ein Prozent der ursprünglichen Auenlandschaft wenig verändert. Die Zahlen lesen sich ernüchternd: 43 Prozent der ehemaligen Auen sind heute Grünland, 26 Prozent werden als Acker genutzt, weitere sieben Prozent für Siedlung, Gewerbe oder Straßen – das meiste davon versiegelt. Feuchtwiesen und Biotope? Gerade mal auf drei Prozent der aktuellen, noch überflutbaren Auen vorhanden.

Trotz aller Diskussionen hat sich das Problem beim Flächenverbrauch kaum verbessert. Selbst in fest ausgewiesenen Überschwemmungsgebieten nahm die Versiegelung von 2021 bis 2023 um weitere 2,75 Quadratkilometer zu – als hätte man ~385 Fußballfelder zugepflastert. Die Fortschritte durch Rückverlegungen von Deichen werden damit real praktisch aufgehoben.

Ein Hoffnungsschimmer: Bei Lenzen an der Elbe wurde ein Deich auf 420 Hektar zurückverlegt – mit messbarem Effekt. Beim Hochwasser 2013 führte das zu einer lokalen Absenkung des Wasserstands von 50 Zentimetern! Kleiner Hoffnungsschimmer, große Wirkung. Längst überfällig, so BUND, das flächendeckend zu fördern.

Forderung: Die Mittel gehören konsequent in ökologischen Hochwasserschutz, mehr Renaturierung und einen Stopp der Flächenversiegelung. Sonst bleibt das Problem ohnehin bestehen – bis zur nächsten Katastrophe.

Mehr Details und Hintergründe spiegelt eine neue BUND-Recherche, darin sind nicht nur die Investitionszahlen, sondern auch Strategiedefizite sichtbar. Erwähnenswert ist auch die aktuelle Forschung, etwa vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum, das die Rolle des immer wärmeren Mittelmeers für Extremwetter eindrucksvoll belegt (Studie), die steigenden Meerestemperaturen sind inzwischen sogar tagesaktuell in den Daten von Copernicus nachweisbar. Hoffen wir, dass diese Erkenntnisse bald in konkretes Handeln münden.

Für Fragen oder Interviews wenden Sie sich an die Pressestelle des BUND oder besuchen Sie www.bund.net

Die BUND-Studie verdeutlicht: Der Hochwasserschutz in Deutschland leidet noch immer massiv unter strategischen und finanziellen Defiziten. Trotz warnender Beispiele wie die Ahrtalflut wird weiter auf technische Sicherung und Flächenversiegelung gesetzt, statt Flüssen mehr Raum für natürliche Überschwemmung zu geben. Neuere Forschungen des GEOMAR zeigen, dass steigende Wassertemperaturen im Mittelmeer das Starkregenrisiko weiter erhöhen werden, während aktuelle Daten von Copernicus bestätigen, dass die Meeresoberflächentemperaturen auf neuen Höchstwerten liegen. Zuletzt diskutieren auch große Medienhäuser das Thema: So analysiert die FAZ Quelle: FAZ die wachsende Bedrohung durch Extremwetter für Kommunen, die Süddeutsche Quelle: Süddeutsche Zeitung berichtet über schleppende Fortschritte bei der Renaturierung deutscher Flussauen und die Zeit Quelle: ZEIT geht den politischen Engpässen und Versäumnissen bei der Umsetzung von Hochwasserschutzmaßnahmen auf den Grund.

Schlagwort aus diesem Artikel