Parlamentswahl: Wer übernimmt das Steuer?
Kaum sind die Stimmen zur Knesset ausgezählt, herrscht Ratlosigkeit: Niemand kann sich als klarer Sieger fühlen. Premierminister Benjamin Netanjahus Lager bleibt mit seinen 50 Mandaten knapp unter der notwendigen Schwelle. Erst jetzt, nach Jahrzenten politischer Routine, schleicht die Unsicherheit in Israels Regierungskorridore ein.
Likud dominiert, aber allein bringt das nichts
Natürlich taucht in jeder Hochrechnung Netanjahus Likud als stärkste Einzelpartei auf – diesmal etwa mit 24 bis 25 Sitzen. Trotzdem fehlt es dem rechten Block an Rückhalt: Gerade einmal 50 Mandate. Die Opposition, dieses Mal angeführt vom Ex-General Gadi Eizenkot, liegt mit 52 bis 53 Sitzen nur hauchdünn vorn. Kleine Gruppen, die sonst gern mal Zünglein an der Waage spielen, tauchen ab – gescheitert an der Drei-Prozent-Hürde.
Die arabischen Parteien: Brücken oder Blockade?
Interessant, fast ein bisschen ironisch: Die arabischen Parteien, die von vielen politischen Playern gemieden werden, könnten mit 17 bis 18 Sitzen der Schlüssel zur Regierungsbildung sein. Nur will sich kaum jemand die Finger daran verbrennen. Denn die Fronten zwischen arabischen Parteien und den jüdisch geprägten Listen bleiben eisig. Hat das schonmal zu einem wirklichen Bündnis geführt? Kaum, aber Geschichte könnte launisch, Politik sprunghaft sein.
Rekordbeteiligung – und doch keine Klarheit
Eine historische Wahlbeteiligung, seit 1973 nicht mehr da gewesen – über Politikverdrossenheit kann man sich in Israel wirklich nicht beschweren. Gleichzeitig flögen Stimmen für kleine Parteien quasi in den Wind und machen ausgerechnet Netanjahus Suche nach Partnern noch schwieriger. Bemerkenswert auch: Weder eine große Koalition von Mitte bis Rechts, noch ein Zusammenschluss mit den neuen Kräften aus dem linken Spektrum, erscheint realistisch.
Verhärtete Fronten, schwere Verhandlungen
Was bleibt? Die Top-Opposition lehnt Netanjahus Führung ab – auch Eizenkot bleibt hart. Die kommenden Wochen dürften von politischem Feilschen, Absprachen, vielleicht sogar unorthodoxen Allianzen geprägt sein. Die Sitzverteilung in der Knesset ist und bleibt zersplittert – 61 Sitze für eine Mehrheit sind reine Theorie, solange sich die Parteien nicht bewegen. Die nächsten Tage werden zeigen, wem am Ende doch noch eine Koalition über den eigenen Schatten springt.
Kurze Einordnung
Aus meiner Sicht fühlt es sich seltsam an: So viele Stimmen, so wenig Richtung. Die Menschen haben offenbar das Vertrauen in die alten Machtkonstellationen verloren, und trotzdem liefern sie keine neuen Mehrheitsverhältnisse. Letztlich könnte dieser Stillstand die politischen Kräfte zwingen, Grenzen zu überschreiten – oder das Land bleibt führungslos im politischen Treibsand stecken.
Neue Entwicklungen und Details (Stand: heute)
In den letzten Stunden berichten mehrere Quellen, dass Präsident Herzog alle Parteien zu Gesprächen eingeladen hat, um die verhärteten Positionen aufzulockern und eine mögliche Einheitsregierung auszuloten. Außerdem wurde bekannt, dass einzelne arabische Abgeordnete erstmals direkte Gespräche mit zentristischen Parteien führen, ein Novum in der israelischen Parlamentspraxis. Aktualisierte Prognosen heben zudem hervor, dass eine Minderheitsregierung erstmals als ernsthaft diskutierte Option gilt – eine Regierungsbildung mit Unterstützung von außen, etwa durch Enthaltungen einzelner Parteien. Auch international wächst der Druck auf Israels Parteien, angesichts der außen- und sicherheitspolitischen Lage rasch für stabile Verhältnisse zu sorgen.