Das laute Murmeln in der Musik- und Kongresshalle in Lübeck wich am 4. Juli einer konzentrierten Stille, als über 1.200 Menschen – darunter nicht nur frischgebackene Hörakustiker, sondern auch stolze Eltern, Freunde und zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft – zusammenkamen. Eberhard Schmidt, Präsident der Bundesinnung der Hörakustiker, eröffnete die Runde mit ein paar durchaus persönlichen Worten. Jan Lindenau, Lübecks Bürgermeister, hieß alle willkommen, bevor Anette Röttger (CDU), im Landtag für Kulturthemen zuständig, mit ihrer feierlichen Rede einen nachdenklichen Ton anschlug: "Das Herz im Zentrum – möge das stellvertretend für Ihre Haltung stehen." Was als Floskel klingen könnte, hat etwas Wahres. Wer in diesem Beruf landet, muss technisches Wissen und ein offenes Ohr verbinden – meint zumindest Eberhard Schmidt, der jeden Einzelnen „mit wachem Verstand und warmem Herzen“ in diesen Beruf schickte.
Studiendirektor Jens Rießen, der die Landesberufsschule für Hörakustik leitet, wagte eine Ansage: Der Gesellenbrief sei „ein Gamechanger“ – und sollte mehr als nur ein Stück Papier zwischen den Fingern sein. Ohne Ausbildungsbetriebe, Berufsschulen und all die engagierten Lehrkräften wäre das nicht möglich gewesen – was mehrfach betont wurde.
Zur Untermalung der Festlichkeit – warum auch nicht – gab es Musik von „Kool and the Gang“ und „Kings of Leon“, dargeboten von der Band "Veryable". Luise Flessa, die dem Gesellenprüfungsausschuss vorsitzt, ehrte die Prüfungsbesten.
Die Stadt Lübeck und speziell der Campus Hörakustik sind übrigens so etwas wie das Epizentrum der Branche – bundesweit. Mit moderner Ausstattung und einer breiten Palette an Weiterbildungsmöglichkeiten (Meister, Pädakustik und andere Spezialisierungen) werden die Fachkräfte auf die teils komplexen Herausforderungen vorbereitet. Keine kleine Sache: Fast 2.400 Auszubildende stecken derzeit mittendrin, und bundesweit kümmern sich um die 20.000 Hörakustiker um Millionen Betroffene.
Die Freisprechung der 531 neuen Gesellen markiert einen bedeutenden Moment für das deutsche Hörakustiker-Handwerk: Sie ist Ausdruck nicht nur von Tradition, sondern auch enormem Wandel in einer Branche, die inzwischen maßgeblich von Innovationen in den Bereichen Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Präzisionstechnik geprägt ist. Der Bedarf an qualifizierten Hörakustikern steigt, weil Hörverlust in einer immer älter werdenden Gesellschaft häufiger vorkommt – schon heute sind laut Bundesinnung etwa 3,7 Millionen Menschen in Deutschland auf Hörsysteme angewiesen. Aktuelle Debatten drehen sich um die Herausforderungen der Nachwuchsgewinnung, die Expansion des Berufsbilds, aber auch den Zugang zu modernen Hörhilfen trotz Bürokratie-Bremse und immer komplexeren Patientenbedürfnissen. Neuere Branchenberichte zeigen, dass innovative Servicekonzepte (etwa Tele-Akustik-Beratung) und gezielte Nachwuchsförderung die Attraktivität dieses für Gesundheitswesen, Gesellschaft und Lebensqualität so wichtigen Handwerks weiter erhöhen.