Mentale Gesundheit verliert an Wichtigkeit – bleibt aber Fluchtpunkt für Wechselwillige

Eschborn – Viel Unsicherheit in der Wirtschaft schlägt auf die Nerven der Arbeitnehmenden. Kurioserweise gewinnt das Thema seelische Gesundheit am Arbeitsplatz dadurch nicht an Stellenwert – im Gegenteil, viele Beschäftigte stellen es hintan.

heute 11:23 Uhr | 2 mal gelesen

Anscheinend verschiebt sich die Aufmerksamkeit: Das aktuelle Randstad Arbeitsbarometer für 2026 zeigt, dass bloß noch 45 Prozent der Beschäftigten in Deutschland das Thema mentale Gesundheit und die Unterstützung durch den Arbeitgeber für relevant halten. Noch letztes Jahr lag dieser Anteil bei 61 Prozent, 2024 waren es sogar über vier Fünftel.

Sicherheit schlägt Wohlbefinden?

Es scheint fast, als würde die Angst ums Einkommen das Bedürfnis nach psychischer Stabilität überschatten: Für 71 Prozent ist Jobsicherheit inzwischen das absolut dominierende Kriterium. Gleichzeitig bleibt ein unterschwelliger Druck – fast die Hälfte aller Befragten (46 Prozent) redet deswegen nicht offen über die Belastungen im Job.

Allerdings: 36 Prozent hatten schon einmal die Nase voll und haben wegen einer schlechten, toxischen Atmosphäre den Job gewechselt. „Bemerkenswert ist: Viele verschweigen ihr Leiden, aber es wird ihnen irgendwann zu viel – und sie ziehen die Konsequenzen“, fasst Verena Menne, Personalchefin bei Randstad, zusammen. Was hilft? Ein Arbeitumfeld, das Fairness und echte Unterstützung bietet, hält Leute an Bord.

Unternehmen reagieren – irgendwie

Die Zahlen aus dem Barometer 2025 zeigten bereits: Die Hälfte der Arbeitnehmenden sieht den Ball eigentlich bei sich selbst, nur ein Bruchteil erwartet Hilfe vom Arbeitgeber. Trotzdem gibt’s Bewegung – 37 Prozent der Unternehmen setzen spezielle Maßnahmen für mentale Gesundheit um, 48 Prozent tun generell etwas für die Gesundheit ihrer Belegschaft.

Warum scheuen manche das offene Wort? Die Sorge vor Kündigung sitzt tief. Genau da sollten Unternehmen ansetzen: Wer aktiv auf seine Leute zugeht, Resilienz stärkt und ernsthaft zuhört, bindet sie auch bei rauem Gegenwind langfristig – ein bisschen wie bei einer alten Freundschaft, in der man auch nicht immer alles preisgibt, aber eben bleibt.

Das Randstad Arbeitsbarometer – kurzer Blick hinter die Kulissen

Was steckt hinter den Zahlen? Das Barometer läuft seit 2003, erfasst Trends aus 35 Ländern. Online befragt wurden für die aktuelle Ausgabe über 27.000 Arbeitnehmende, davon 1.000 in Deutschland und erstmals auch Arbeitgeber – mit Einblicken in Millionen von Stellenanzeigen. Für Deutschland allein: mindestens 1.000 Interviews, querbeet durch Alter und Branche.

Randstad in Kürze

Randstad zählt weltweit zu den wichtigsten Playern im Personalbereich. Über 55 Jahre Erfahrung in Deutschland, mehr als 28.000 Mitarbeitende hierzulande, Umsatz in Milliardenhöhe – und nach eigenen Angaben der Anspruch, Arbeitsmärkte fairer, menschlicher und zukunftsfester zu machen.

Internationale Dimension? Global mehr als 1,7 Millionen Menschen vermittelt, fast 150.000 Firmen als Kunden, 23,1 Milliarden Euro Umsatz. Der Hauptsitz liegt in den Niederlanden, aber sie sind gefühlt überall – von Eschborn bis nach Asien, Afrika und Amerika.

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten rückt für viele Erwerbstätige in Deutschland vor allem die Sicherung des Arbeitsplatzes in den Fokus – selbst auf Kosten des eigenen seelischen Gleichgewichts. Obwohl laut Randstad-Studie die Nachfrage nach aktiver Unterstützung durch die Arbeitgeber für psychische Gesundheit sinkt, bleibt toxisches Arbeitsklima einer der wichtigsten Kündigungsgründe. Viele Unternehmen haben inzwischen darauf reagiert und setzen verstärkt auf Prävention sowie Programme zur Förderung des seelischen Wohlbefindens, doch der gesellschaftliche Diskurs bleibt widersprüchlich: Während einige Beschäftigte lieber schweigen, wächst der Anteil derer, die die Reißleine ziehen, sobald sie sich emotional ausgebrannt fühlen.

Neue Recherchen zeigen, dass sich der europäische Trend in Sachen Wellbeing am Arbeitsplatz spaltet: In Frankreich beispielsweise ist die Sensibilisierung für Stress und Burnout stärker Chefsache geworden, während in Skandinavien bereits Modelle für flexible Pausenzeiten und psychologische Unterstützung zum Standard werden. In Deutschland fordert die Bundespsychotherapeutenkammer aktuell gezielte Präventionsangebote und bessere Budgetierung für betriebliche Gesundheit, warnt aber zugleich, dass eine tiefgreifende Enttabuisierung psychischer Krisen dringend nötig sei. Sowohl Gewerkschaften als auch Berufsverbände mahnen, die digitale Dauererreichbarkeit und zunehmende Leistungsverdichtung als Stressverstärker stärker zu regulieren und fordern ein Recht auf Abschalten – bislang allerdings ohne klaren Durchbruch in der Gesetzgebung.

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