Es lässt sich nicht leugnen: Die anstehenden Reformen, etwa im Klima- und Sozialbereich, sind für viele Bürger spürbar – und nicht eben ein Zuckerschlecken. Schenderlein gab am Donnerstag im RTL/ntv-Interview unumwunden zu: "Wir wissen um die Notwendigkeit und die Mühen, die da auf uns zukommen." Der Zeitplan bis zur Sommerpause sei eng, da lasse sich nichts schönreden. So gerne Schenderlein sich von einem erfolgreichen Abschneiden der Nationalelf anstecken ließe – ersetzt werde damit keine ernsthafte Regierungsarbeit. Fußball könne gute Laune bereiten, aber deckt damit kleinere wie auch größere politische Probleme eben nicht zu.
Interessant ist, wie die Ministerin zwischen Spiel und Staatsgeschäft unterscheidet: Die Leute seien klug genug, nicht alles mit einem Fußballtor zu vergessen. Trotzdem hofft sie auf die verbindende Wirkung der EM im Alltag: Zusammenkommen zum Public Viewing, Stimmung genießen – das sei eben auch wichtig. Übrigens: Die Bundesregierung hat extra Privilegien geschaffen, damit auch nach 22 Uhr noch gemeinsam im Freien gekickt und gefeiert werden darf. Schenderlein nennt den Fußball, fast schon ein bisschen pathetisch, "das letzte Lagerfeuer der Nation". Ein symbolischer Ort des Miteinanders, der allerdings laut einer aktuellen RTL-Umfrage nur eingeschränkt das Land befriedet. Lediglich ein Viertel der Befragten glaubt an einen positiven Effekt der WM auf das allgemeine Stimmungsbild. Am Ende, meint Schenderlein, sei klar: "Unsere eigentlichen Hausaufgaben warten in Berlin – da führt kein Weg drumrum."
Die Sportstaatsministerin macht deutlich, dass die Euphorie rund um die Fußball-WM nicht die dringend nötigen politischen Reformen ersetzen kann. Sie erkennt zwar die verbindende und stimmungsaufhellende Wirkung gemeinsamer Fußball-Erlebnisse an, bleibt aber skeptisch, ob sich dadurch die allgemeine Stimmungslage in Deutschland wesentlich verbessert. In aktuellen Berichten wird zudem hervorgehoben, dass die Regierung die rechtlichen Voraussetzungen für spätes Public Viewing geschaffen hat und trotzdem der Fokus auf Problemlösung und Reformen in Berlin liegt. Zusätzlich zeigt aktuelle Presse, dass trotz WM-Start viele Bürger mit Skepsis auf politische Versprechungen schauen und ein allgemeiner Regierungsumbau, insbesondere im Haushalt sowie in den Bereichen Migration und Wirtschaft, für angespannte Debatten sorgt. Gleichzeitig ist die Rolle des Sports als soziale Klammer nicht zu unterschätzen – er liefert in herausfordernden Zeiten Gesprächsstoff, lenkt ab und schafft Gemeinschaft, auch wenn er die politischen Gräben nicht zuschüttet.