Kann man wirklich abschließen, wenn man nie erfahren hat, was passiert ist? In vielen Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien sitzt dieser Zweifel tief in den Knochen: Nach der Geburt sollen ihre Kinder gestorben sein – doch das Gefühl des Verlusts wird von bohrenden Fragen überlagert. Die Geschichte von Sanela und ihrer Familie steht exemplarisch für viele. 1985 kam Sanelas Schwester in Banja Luka zur Welt – und wurde nur Stunden später angeblich tot geglaubt. Die Eltern durften das Baby nie sehen, nie verabschieden. Jahre später nagt ein bitterer Verdacht an ihnen: War das Kind vielleicht gar nicht tot, sondern – und das klingt nach düsterstem Romanstoff – von Fremden aufgenommen, vielleicht sogar verkauft worden?
Dem will Sanela endlich auf den Grund gehen. Inzwischen lebt sie, mittlerweile um die Vierzig, in Deutschland, aber das nagende Unwissen hat sie nie ganz losgelassen. Die Journalistinnen Judith Brosel und Kirsten Tromnau vom SWR begleiten Sanela auf ihrer Reise zurück nach Bosnien. Der Rechercheweg ist steinig, voller Sackgassen und schmerzhafter Begegnungen, denn plötzlich stoßen sie auf andere Betroffene – Familien, die seit Jahrzehnten in Ungewissheit leben. Ihr gemeinsamer, eigentlich ganz schlichter Wunsch: Gewissheit über das Schicksal der verschwundenen Kinder.
Die sechsteilige Podcast-Reihe „Wo ist Sanelas Schwester?“ taucht ab 24. Juni tief ein in das Dickicht von Trauer, Hoffnung und institutionellen Geheimnissen – zu hören auf ARD Sounds. Weitere Infos und Fotos gibt’s auf den verlinkten Seiten.
Die Podcast-Serie behandelt ein kaum bekanntes, aber berührendes Kapitel der jüngeren Geschichte Ex-Jugoslawiens: In den 1980er und 1990er Jahren berichteten etliche Eltern davon, dass ihre Neugeborenen plötzlich für tot erklärt wurden – oft ohne klare Beweise oder Einsicht in Leichen oder offizielle Dokumente. Verschiedenen Recherchen zufolge gibt es Hinweise, dass in manchen Fällen Babys illegal an wohlhabendere Familien im In- und Ausland vermittelt wurden, wobei Polizei und Krankenhäuser nicht immer zur Aufklärung beitrugen. Der Podcast greift damit auch die kollektive Verarbeitung von Verlust und die schwierige Aufarbeitung in Bosnien-Herzegowina auf – ein Thema, das bislang in der Öffentlichkeit eher im Schatten stand.
Zusätzliche Details aus aktuellen Recherchen belegen, wie schwierig die Aufarbeitung nach wie vor ist: Viele Betroffene fühlen sich von Ämtern im Stich gelassen, Ermittlungswege laufen ins Leere, und gesellschaftliche Tabus um Adoption und Menschenhandel erschweren die Gespräche noch heute. Berichte von Hilfsorganisationen und Menschenrechtsgruppen zeigen, dass derartige ungeklärte Baby-Entführungen auch in Kroatien, Serbien und Montenegro beklagt werden. Das Thema bleibt schmerzhaft aktuell, weil noch immer Hunderte von Familien versuchen, ihr verschwundenes Kind zu finden oder wenigstens Gewissheit zu erlangen.