Man könnte fast den Eindruck bekommen, dass die Weltwirtschaft auf einem Drahtseil balanciert – zumindest, wenn man WTO-Chefin Ngozi Okonjo-Iweala zuhört. In einem Interview mit der ‚Welt‘ sprach sie von der größten Herausforderung für den globalen Handel seit etwa 80 Jahren. Dennoch, und das betont sie beinahe trotzig, läuft immer noch gut drei Viertel des Warenverkehrs nach den WTO-Regeln ab. Sie schließt daraus, dass der sprichwörtliche Laden noch läuft – zumindest vorläufig.
Interessant ist ihre Sicht auf die umstrittenen US-Zölle unter Donald Trump: Obwohl viele Maßnahmen ganz offensichtlich gegen WTO-Standards verstoßen könnten, hebt Okonjo-Iweala geradezu optimistisch hervor, dass die USA als WTO-Mitglied wichtig bleiben. Paradoxerweise sieht sie in der US-Kritik einen positiven Anstoß, endlich notwendige Reformen anzugehen. Ohne Misstöne geht das alles sicher nicht ab; aber sie rät, offener über Modernisierung und über so genannte ‚Koalitionen der Willigen‘ in der Organisation nachzudenken. Im Kern will sie ermöglichen, dass kleinere Staatengruppen neue Regeln vorantreiben – ein bisschen wie bei einer Wohnungsgemeinschaft, in der sich die Aktiven zusammentun, um das Treppenhaus zu putzen, während andere erst mal abwarten.
Okonjo-Iweala beschreibt insgesamt eine doppelte Krise: klassisches Protektionismus-Revival weltweit – und gleichzeitig eine ausgesetzte Handlungsfähigkeit der WTO, blockiert vor allem durch den Dauerkonflikt mit den USA und China. Hinzu kommen globale Lieferkettenprobleme, die Digitalisierung des Handels und der anhaltende Streit über Subventionen, insbesondere im Technologiebereich. Nach neuen Informationen wirkt sich vor allem der anhaltende Handelsstreit zwischen China und den USA auf das Welthandelssystem aus, während gleichzeitig neue Regionalabkommen und der Protektionismus in vielen Ländern die multilateralen Strukturen schwächen. Laut aktuellen Berichten kämpft die WTO auch mit internen Dissensen, etwa bei der Reform des Streitschlichtungsverfahrens. Das stellt das internationale Vertrauen auf eine regelbasierte Handelsordnung weiter auf die Probe.