120 Minuten Fußball – und dann nur noch Leere. Nach einer Partie voller technischer Überlegenheit, aber überraschend wenig kaltem Killerinstinkt vor dem Tor, steht die deutsche Mannschaft nach dem Sechzehntelfinale mit leeren Händen da. Früh bahnte sich an: Paraguay würde sich nicht einfach abschütteln lassen. Stattdessen nutzten sie in der 42. Minute eine kleine Lücke: Julio Enciso, quasi allein gelassen, nickte aus zentraler Position nach punktgenauer Flanke ein – typisch WM, ein Moment der Unachtsamkeit, und schon bist du hinten. Auftauen konnten die Deutschen nach der Pause, mehr Tempo, mehr Präsenz, und kurz darauf der verdiente Ausgleich: Havertz, diesmal Kopf und nicht Fuß, nach Trademark-Flanke von Wirtz. Danach: viele Versuche, wenig Zählbares.
Verlängerung. Noch 15, dann noch 15 Minuten, das berühmte Zittern. Kurz Hoffnung nach Ecke, als Tah trifft – aber dann Video-Schock, denn Anton soll den Keeper zu Boden gedrückt haben. Entscheidung: kein Tor, und ehrlich, da kann man als Fan schon mal den Kopf schütteln. Das Elfmeterschießen ist dann ein einziges Nervenflattern. Zweimal hält Paraguays Gill, einmal schießt Tah über den Kasten. Paraguay bleibt abgezockt und zieht weiter – die Deutschen fahren nach Hause. Am 4. Juli wartet für Paraguay also Philadelphia, Gegner wird der Sieger aus Frankreich gegen Schweden sein. Für die deutschen Fans bleibt diesmal wenig außer Frust und einem Rest Hoffnung auf bessere Turniere.
Wieder einmal zeigt sich: Fußball ist vor allem in K.-o.-Spielen gnadenlos, und auch technisch dominante Teams sind nicht vor Schludrigkeiten und Nervenflattern gefeit. Die Schlüsselszene bleibt das zurückgenommene Tor in der Verlängerung – ein Beispiel für die zunehmende Rolle der Videotechnik, die Emotionen in Sekunden in Gegensätze verwandeln kann. In den letzten Tagen haben verschiedene Medien eine Verschiebung in der deutschen Selbstwahrnehmung beklagt, wenn es um Topturniere geht: Es fehlt aus Sicht vieler Kommentatoren an Konstanz und bei Weitem an Effizienz vorm Tor. Die Parallelen zu früheren unglücklichen Ausscheiden, etwa 2022 oder 2018, werden aktuell erstaunlich oft gezogen und spiegeln einen gewissen Frust wider. Zudem diskutieren Experten – etwa bei taz und ZEIT – stärker denn je die Frage nach einer neuen Teamidentität und der Fähigkeit der Führungsspieler, in entscheidenden Momenten Verantwortung zu übernehmen. Es sieht ganz danach aus, als würde die Nationalelf tatsächlich eine tiefere Zäsur und ein Umdenken benötigen, um international wieder mitzuhalten.