David Van Reybrouck: Sachsen-Anhalt als Weckruf für demokratische Innovationen

Im Nachgang zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt meldet sich der belgische Historiker David Van Reybrouck zu Wort und regt an, Demokratie neu zu denken: Wie viel gibt die Institution „Volkswahl“ noch her? Er stellt das Ostbelgienmodell vor und plädiert für einen radikal erweitert gedachten Bürgerdialog auch in Deutschland.

heute 13:32 Uhr | 2 mal gelesen

Der belgische Historiker David Van Reybrouck sieht die jüngsten Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt – insbesondere den Aufstieg der AfD – nicht einfach als regionales Phänomen, sondern als Symptom einer tieferliegenden Schwäche der Demokratie. Was läuft schief, wenn Menschen in Scharen für Parteien stimmen, die teils offen das bestehende System infrage stellen? Vielleicht hat das historische Gewohnheitstier „Demokratie“ einige Innovationen verschlafen.

Demokratie ist mehr als Kreuze auf dem Zettel

Klar, wählen fühlt sich gut an – kurze Macht auf Zeit, einmal alle paar Jahre. Aber Van Reybrouck argumentiert: Das durfte nicht alles sein. Demokratie ist mehr als die Reduktion auf Perioden der Stimmabgabe. Akademisch betrachtet gibt es ja kein ehernes Gesetz, das ausgerechnet das Parteienmodell zur einzigen Form der Bürgerbeteiligung erhebt. Die Antike kannte politische Vielfalt. Besonders die Losverfahren – wieso sind die überhaupt so in Vergessenheit geraten?

Neue Wege aus der Demokratie-Müdigkeit

Van Reybrouck ist überzeugt, dass repräsentative Demokratie sich weiterentwickeln muss. Er weiß, Veränderung ruft Misstrauen hervor. Dennoch: In Belgien hat er das Experiment gewagt und das Ostbelgienmodell mitentwickelt. Bürger werden ausgelost – nicht gewählt! – und bilden Räte, um gemeinsam politische Empfehlungen zu erarbeiten, die dann in den Parlamenten auf Resonanz stoßen. Von außen mag das schräg klingen; für Kenner:innen der OECD ist das Modell bereits so etwas wie der neue Goldstandard der Beteiligungsformate: Kritik, Nachdenken, Zuhören und Mitsprechen.

Das Ostbelgienmodell: Eine Bürgerversammlung mit Substanz

Im deutschsprachigen Teil Belgiens gibt’s das nun seit über zehn Jahren. Das Parlament bleibt, aber ergänzend ziehen ausgeloste Bürgerinnen und Bürger temporär in die Beratung ein. Diese treffen sich – ein bisschen wie ein Thinktank in Turnschuhen – und arbeiten Themen differenziert auf. Erst Aachen, dann Paris und Brüssel: Die Idee findet mittlerweile Nachahmer in ganz Europa.

Die Frage: Warum nicht in Deutschland?

Van Reybrouck meint, jetzt müsse Mut her, das Modell groß zu denken. Warum das alles? Weil die klassischen Parteien langsam ausdünnen, alternative Lager sich bilden – und doch so viele Menschen das Gefühl haben, dass ihre Stimme wenig zählt. Bürgerräte, verankert in Landesverfassungen, könnten genau da wieder Verbindung herstellen: Nicht statt des Parlaments, sondern für implantierte Beteiligung an kniffligen Themen. Es würde zeigen, ob konstruktive Debatten und Empfehlungen tatsächlich mehr Gewicht bekommen können als das bloße Dagegen-Sein.

Was bedeutet das konkret für unser Land?

Bislang sind Bürgerräte in Deutschland meistens befristet und wenig verbindlich. Van Reybrouck will das ändern: Ein Bundesland könnte das Modell übernehmen und damit Rechtsverbindlichkeit testen. Würden populistische Hochburgen dann neue Töne anschlagen? Denkbar ist das, aber eben nicht garantiert. Letztlich bleibt: Demokratie ist ein Prozess – und vielleicht tut ihr ein bisschen kontrollierte Offenheit gut. Jenseits des klassischen Wahlakts, hin zu einer robusteren, widerstandsfähigeren Kultur der Debatte.

David Van Reybrouck betrachtet den Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt als Warnzeichen für die Demokratie in Deutschland und mahnt grundlegende Reformen an. Er empfiehlt das Ostbelgienmodell, in dem ausgeloste Bürger in politischen Räten mitarbeiten und so neue Impulse sowie mehr Resilienz in das demokratische System bringen sollen.

Bürgerräte könnten Vertrauen zurückholen

In Deutschland sind Bürgerräte bislang meist unverbindlich und lediglich beratend. Das Ostbelgienmodell zeigt, wie ausgeloste Bürgergremien verbindlich und langfristig politisches Leben mitgestalten können. Wie mediale Analysen der letzten 48 Stunden (u.a. auf Spiegel und Zeit.de) zeigen, gibt es ein wachsendes Interesse an solchen deliberativen Verfahren in Krisenzeiten.

Kritik und internationale Perspektive

Kritiker:innen merken an, dass die Einführung ausgeloster Bürgerräte allein nicht automatisch zu weniger Polarisierung führt. Dennoch würde eine Vielfalt der Beteiligungswege eventuell entlastend auf das etablierte Parteiensystem wirken. Die internationale Wahrnehmung des Ostbelgienmodells, u.a. durch die OECD, deutet auf einen globalen Bedarf nach neuen Dialogkulturen und Innovationsschüben in der Demokratie.

Ergänzende Details aus neuen Quellen (Stand: 48h)

Viele politische Beobachter:innen fordern aktuell, das Thema demokratische Beteiligung offensiver anzugehen, auch im Hinblick auf die kommenden Europawahlen. Ausgeloste Bürgerforen, so mehrere aktuelle Analysen, könnten insbesondere bei Themen wie Klimaschutz, Wohnungspolitik und Migration neue Sachlichkeit in die Debatte bringen.

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