Diagnose-Marathon: Warum Menschen mit endokrinen Erkrankungen in Deutschland warten müssen

Ulm – Wer an seltenen hormonellen Störungen leidet, erlebt in Deutschland oft einen zermürbenden Hindernislauf bis zur endgültigen Diagnose. Ein besonders drastisches Beispiel ist das endogene Cushing-Syndrom – hier dauert es im Schnitt über vier Jahre, bis Betroffene Gewissheit haben. Im ländlichen Raum zieht sich der Weg sogar noch länger, während international längst schnellere Lösungen zu beobachten sind.

08.07.26 15:05 Uhr | 2 mal gelesen

In Berlin trafen sich kürzlich Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Medizin und Patientengruppen, um eine Frage zu diskutieren, die viel zu oft im Schatten der Gesundheitsdebatten steht: Wie kann die Versorgung von Menschen mit seltenen endokrinen Erkrankungen verbessert werden? Nora Seitz (CDU/CSU), die sich im Bundestag für die Belange Betroffener selten Erkrankter einsetzt, brachte ihre Sicht ein. Mediziner wie Prof. Dr. Martin Fassnacht (Uni Würzburg) und Dr. Linus Haberbosch (Charité Berlin) argumentierten aus ärztlicher Perspektive, während das Netzwerk Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen e.V. und eine Patientin plastisch schilderten, wie lange der Weg zur Diagnose oft dauert.

Die Zahl der Endokrinologinnen und Endokrinologen in Deutschland ist erschreckend niedrig: Rund 0,81 pro 100.000 Menschen – ein Wert, der uns europaweit ans Ende der Tabelle setzt. Dr. Haberbosch ließ das Publikum nicht im Unklaren: Viele Patientinnen und Patienten besuchen zahlreiche Ärztinnen und Ärzte, in einem Fall dauerte es neun Jahre, bis die Diagnose stand. Therapieversuche, die ins Leere liefen, waren dabei leider keine Seltenheit und führten zu zusätzlicher Frustration und gesundheitlichen Problemen.

Obwohl Politik und Öffentlichkeit langsam wach werden, zieht sich Handlungsbedarf wie ein roter Faden durch die Diskussionen. Zu lange Diagnosestrecken verschwenden nicht nur Ressourcen, sondern verursachen zutiefst menschliche Tragödien. Für besondere Besorgnis sorgte die Krankenhausreform – das jüngst beschlossene Gesetz garantiert aus Sicht vieler Fachleute keineswegs, dass in Kliniken genügend endokrinologische Kompetenz zur Verfügung steht. Der Appell der Runde war eindeutig: Wer Veränderung will, muss seine Stimme erheben und die Verantwortlichen nicht aus der Pflicht entlassen.

Eins wurde schnell deutlich: Die Zusammenarbeit unter den Akteuren – ob Ärzteteam, Fachgesellschaft, Selbsthilfegruppe oder Politik – ist entscheidend dafür, dass seltenerkrankte Menschen rasch in die richtige Behandlung gelangen. Hier gibt es große Baustellen: Austausch und Daten müssen besser fließen, Anlaufstellen klar sein, Wege transparenter, Übergänge reibungsloser. Gerade Betroffenenverbände können viel bewegen, wenn sie Gehör finden.

Was braucht es konkret? Mehr Fachleute, bessere Ausbildung, frühere Diagnostik schon bei Hausärzten – und nicht zu vergessen digitale Lösungen. Über 12 Millionen Betroffene hormoneller Erkrankungen in Deutschland: Das verlangt strukturelle Eingriffe, keine bloßen Lippenbekenntnisse.

Fazit der Runde: Schon viel zu lange wird geredet, jetzt braucht es greifbare Veränderungen. Wer weiter nur abwägt, riskiert, dass Betroffene erneut durch die Maschen des Systems fallen.

Angestoßen und organisiert wurde die Runde von Recordati Rare Diseases.

Der gesellschaftliche und medizinische Rückstand in Deutschland bei der Diagnostik und Behandlung seltener endokrinologischer Erkrankungen ist ein gravierendes Problem, das durch eine extreme Unterversorgung mit Fachärztinnen und Fachärzten weiter verschärft wird. Die aktuelle Krankenhausreform sorgt für zusätzliche Unsicherheit, ob zukünftig ausreichend Expertise an Kliniken bestehen bleibt, während betroffene Patientinnen und Patienten oft jahrelang auf eine Diagnose und adäquate Therapie warten müssen. Recherchen ergaben, dass internationale Fachgesellschaften verstärkt auf Netzwerklösungen und telemedizinische Ansätze drängen; in Ländern wie Schweden werden Patienten mithilfe digitaler Diagnosetools oft deutlich schneller versorgt. Gleichzeitig zeigen Artikel etwa von der Süddeutschen Zeitung und Zeit.de, dass sich auch in Deutschland immer mehr Patientengruppen und Ärztinnen zusammenschließen, um politisch und gesellschaftlich Druck aufzubauen und innovative Versorgungsmodelle (wie auf künstlicher Intelligenz basierende Vorselektionen in der Primärversorgung) zu testen. Zudem fordert die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie größere finanzielle und politische Anstrengungen, um die Aus- und Weiterbildung sowie die Sichtbarkeit des Fachs massiv zu stärken. Insgesamt bleibt der Eindruck: Ohne grundlegenden Strukturwandel, bessere digitale Lösungen und einen hörbaren Schulterschluss aller Beteiligten wird sich die Situation kaum verbessern.

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