Joschka Fischer äußerte unlängst gegenüber der Funke-Mediengruppe ausgesprochen skeptische Töne bezüglich des Fortbestehens der Nato. In seinen Augen entfernen sich die USA schrittweise von ihren traditionellen Bündnispartnern, und die europäischen Regierungschefs bemühten sich derzeit beinahe schon panisch, Donald Trump irgendwie bei Laune zu halten – aus Mangel an Alternativen. Dennoch bezweifelt Fischer, dass das Bündnis diesen Spagat langfristig schafft. Richtig spannend wird es dort, wo Fischer ansetzt: Für ihn wäre die einzige realistische Antwort eine Art europäische Nato, idealerweise mit Kanada im Boot. Die bestehenden Strukturen sollen nicht einfach zerrissen, sondern innerhalb einer neuen, europäischen Hülle weitergeführt werden. Herzstück dieses Modells: Ein eigenständiger atomarer Schutz, gespeist aus den britischen und französischen Beständen. Faszinierend ist dabei der Gedanke, dass dann etwa in Paris oder London das letzte Wort über nukleare Maßnahmen fiele – eine tiefgreifende Veränderung gegenüber der bisherigen Washingtoner Entscheidungshoheit. Finanzierungsfragen wären natürlich eine dicke Baustelle, und Fischer erteilt einem deutschen Atomschirm eine klare Absage – die deutschen Abgründe der Vergangenheit seien Warnung genug. Auch ein Seitenhieb auf die deutsche Kommunikation darf nicht fehlen: Noch immer sei der Schatten der Vergangenheit riesig, und lautes Trommeln für eine ''stärkste Bundeswehr Europas'' schüre in den Nachbarländern Misstrauen. Fischer fordert stattdessen Feingefühl, das er der jetzigen Bundesregierung fast schmerzhaft vermisst.
Fischer stellt die Zukunft der Nato offen infrage – und damit eine seit Jahrzehnten grundlegende Sicherheitsarchitektur Europas. Seine Argumentation speist sich aus der Annahme, dass die USA ihr Bündnisengagement deutlich zurückfahren und Europa sich selbst verteidigen muss; dabei setzt er auf ein neues Verteidigungsmodell, in dessen Zentrum nicht mehr die USA, sondern europäische Staaten mit eigenen Nuklearpotenzialen stehen würden. Damit rückt neben der Frage nach technischer Umsetzbarkeit auch das Problem historischer Ängste – besonders in Bezug auf Deutschland – neu ins Blickfeld, denn ein eigenständiger, europäischer Schutzschirm wäre politisch wie moralisch ein Balanceakt.
Aktuelle Berichte mehrerer Quellen (etwa Tagesschau, SPIEGEL, Süddeutsche Zeitung) unterstreichen derzeit, wie angespannt die Atmosphäre vor dem Nato-Gipfel ist. Es gibt erhöhte Sorgen um die transatlantische Zusammenarbeit und zahlreiche Diskussionen um Verteidigungsausgaben und eine mögliche Rückkehr Donald Trumps. Insbesondere Osteuropa schaut mit wachsendem Misstrauen auf die mögliche Abkehr der USA vom traditionellen Bündnis, was in vielen Ländern den Ruf nach mehr Eigenständigkeit im Verteidigungsbereich verstärkt.