Noch vor ein paar Jahren, genauer gesagt 2019, lag die durchschnittliche Wartezeit auf einen Facharzttermin laut Regierungsangaben bei 33 Tagen. Mittlerweile sind es schon 42 Tage im Schnitt. Gassen rechnet vor: Wenn die von einer Expertenrunde empfohlenen Streichungen – insbesondere der Zuschläge für Vermittlungen über Hausarzt oder Servicestelle – umgesetzt werden, würden die Praxen plötzlich etwa 40 Millionen Termine jährlich weniger anbieten. Konsequent: Jeder elfte Termin fällt weg, das bleibt für Patienten nicht ohne Folgen. Der KBV-Chef legt den Finger in die Wunde und kritisiert: Es könne niemand von Ärzten erwarten, einfach weiterzuarbeiten, wenn auf einen Schlag über eine Milliarde Euro der Honorare gestrichen werde, während längst nicht alle Leistungen vergütet werden. Die Argumentation der Experten, die vergangene Zuschlagsregeln hätten keinen objektiven Nutzen gehabt, weist er zurück. Im Gegenteil: Nur durch die finanziellen Anreize hätten Facharztpraxen überhaupt mehr Termine ermöglicht. Letztlich, so Gassen, lasse sich das „gefühlte Bedürfnis“ der Bevölkerung nach immer schnelleren Terminen kaum je völlig befriedigen – kaum wird eine Lücke gefüllt, tut sich die nächste auf. Den Vorschlag aus der SPD, Termine verbindlich binnen drei Wochen garantieren zu wollen, hält er für realitätsfern – statt starrer Fristen brauche es medizinisch begründete Priorisierung. Nur ein kleiner Teil der Patienten müsse wirklich zeitnah einen Arzt sehen; viele könnten aus gesundheitlicher Sicht durchaus warten – auch wenn sich das oft anders anfühlt.
Ein leiser Aufschrei geht durch die Ärzteschaft: Die aktuelle Debatte um eine mögliche Kürzung der Honorare für niedergelassene Fachärzte hat die Diskussion um Wartezeiten neu entfacht. Gassen warnt vor einem Teufelskreis: Durch die Streichung von Anreizen könnten zehntausende Termine schlicht entfallen, das sei ein absehbarer Verlust für Patient:innen. Zugleich gibt es jedoch Stimmen, die die Vergütungsmodelle kritisch hinterfragen und bezweifeln, dass mehr Geld wirklich automatisch zu kürzeren Wartezeiten führt – hierzu stellt der Bundesrechnungshof die Effektivität der bisherigen Zuschläge infrage. Ein Blick über den Tellerrand: Auch in anderen Ländern kämpfen die Versorgungssysteme mit ähnlichen Problemen – manchmal erscheinen politische Vorschläge zu Termingarantien oder starren Fristen recht naiv, wenn die Personal- und Ressourcenlage sich nicht plötzlich ändert. Zusätzlich trägt der demografische Wandel dazu bei, dass die Nachfrage nach medizinischen Leistungen weiter ansteigt, während die Zahl der verfügbaren Fachkräfte vielerorts stagniert. In den letzten Tagen wurde das Thema insbesondere nach Bekanntgabe der Sparvorschläge wieder breit in Medien und Fachkreisen diskutiert.