Langjährige Haftstrafe für Kosovos ehemaliges Staatsoberhaupt Hashim Thaci

Das Den Haager Sondergericht hat den Ex-Präsidenten des Kosovo, Hashim Thaci, im Zusammenhang mit Kriegsverbrechen während des Kosovo-Kriegs zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. In Pristina gingen Tausende auf die Straße, um Solidarität mit dem einstigen UCK-Führer und seinen Mitangeklagten zu zeigen.

heute 11:55 Uhr | 2 mal gelesen

Hashim Thaci, einst Präsident des Kosovo, wurde von einem internationalen Gericht wegen schwerer Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen. Das Sondertribunal in Den Haag befand ihn am Mittwoch für schuldig und ordnete eine 25-jährige Haftstrafe an.

Das Urteil aus Den Haag und seine Hintergründe

Das Kosovo-Sondertribunal warf Thaci Taten vor, die sich in den Jahren 1998/1999 gegen Zivilisten richteten, zur Zeit des Konflikts zwischen der UCK und serbischen Kräften. Thaci hatte 2020 sein Präsidentenamt niedergelegt, um einer fairen gerichtlichen Aufarbeitung nicht im Weg zu stehen.

Mit ihm standen drei weitere ehemalige Mitglieder der albanisch dominierten UCK für zahlreiche Verbrechen – darunter Folter, Mord und Verfolgung – vor Gericht. Die Justiz behandelte dabei explizit auch Übergriffe auf andere Kosovo-Albaner, politische Gegner sowie Angehörige von Minderheiten.

Hauptvorwürfe und Details zum Prozess

Den Angeklagten wurde insbesondere zur Last gelegt, in mehr als einhundert Tötungsdelikte involviert zu sein. Die Vorwürfe umfassten zudem systematische Misshandlungen und gezielte Übergriffe auf die Zivilbevölkerung.

Zu den Opfern zählten sowohl Kosovo-Albaner als auch Serben, Roma und politische Widersacher. Diese Vielschichtigkeit der Opfergruppen verdeutlicht die Komplexität des Krieges.

Heftige Reaktionen in Pristina

Im Kosovo selbst ist die Wahrnehmung eine völlig andere: Thaci und seine Mitangeklagten gelten dort vielen als Freiheitshelden. Bereits am Tag des Urteils füllte sich ein großer Platz in Pristina mit Demonstranten – Fahnen wurden geschwenkt, Sprechchöre skandiert, teils lag eine trotzige Aufbruchstimmung in der Luft.

Der Stolz auf die Unabhängigkeit des Kosovo ist offenbar ein starker Gegenpol zur internationalen Bewertung. Ein bezeichnender Kontrast.

Zum Strafmaß und der Perspektive der Angeklagten

Die Staatsanwaltschaft hatte eigentlich das maximal Mögliche gefordert: 45 Jahre Haft. Das Gericht ließ jedoch gewisse strafmildernde Umstände gelten und verhängte "nur" 25 Jahre Gefängnis.

Nicht unerwähnt bleibt: Die Angeklagten weisen sämtliche Verantwortung strikt zurück. Nach ihrer Lesart handelt es sich um einen politischen Prozess, in dem der Befreiungskampf von 1999 in ein dunkles Licht gerückt werde.

Thacis politische Karriere – Aufstieg und Fall

Nach der unabhängigkeitserklärung 2008 führte Thaci das Land als erster Premierminister. Charakteristisch für ihn war schon früh die Fähigkeit, Macht zu bündeln – sei es als Guerillaführer oder später als Staatsmann.

2016 folgte er auf das Präsidentenamt. Erst 2020 musste er gehen, um einer internationalen Strafverfolgung den Weg zu ebnen. Sein Rücktritt gilt noch immer als Zäsur in der jungen Geschichte des Kosovo.

Bewertung: Bruchlinie zwischen Recht und kollektiver Erinnerung

Das Urteil stellt besonders für das nationale Selbstbild des Kosovo einen Einschnitt dar. Während internationale Richter Neutralität einfordern, bleibt das gesellschaftliche Narrativ weiterhin geprägt vom Glanz des Sieges gegen die serbische Übermacht.

Langfristige Folgen für das Zusammenleben im Kosovo

Jetzt wird es entscheidend sein, ob es gelingt, historische Würdigung und juristische Wahrheitsfindung zu vereinen – oder ob wechselseitiges Misstrauen das Land erneut spaltet. Die speziellen Kosovo-Kammern werden damit zum Testfall für den Rechtsstaat im postjugoslawischen Raum.

Die kommenden Monate dürften zeigen, in welche Richtung sich das kollektive Selbstverständnis des Landes weiterentwickelt.

Kurzeinordnung des Falls

Mit der Verurteilung Hashim Thacis erreicht die strafrechtliche Aufarbeitung des Kosovo-Krieges eine neue Dimension: Zum ersten Mal wurde ein politischer Leithammel des einstigen Freiheitskampfes für begangene Untaten zur Verantwortung gezogen. Während ihm Befreiungsruhm in der nationalen Erinnerung zuteil wurde, bewertet die internationale Justiz seine Handlungen aus einer anderen Perspektive – als schwere Kriegsverbrechen, begangen vor allem an Minderheiten und politischen Gegnern.

Zusätzliche Entwicklungen und Stimmen

Die taz hob in einem aktuellen Beitrag hervor, wie emotional und identitätsstiftend der Prozess für die kosovarische Öffentlichkeit ist, in der viele weiterhin die Bestrebungen der UCK verherrlichen und das Urteil als "kollektive Strafe" werten. Laut der Süddeutschen Zeitung sieht die EU den Richterspruch indes als wichtiges Signal für den Vorrang des Rechts gegenüber allen Heldenmythen und für die notwendige Versöhnung in der Region. DW betonte in ihrer Berichterstattung, dass Thaci bis zuletzt auf einen Freispruch hoffte – und politische Kreise in Pristina seine Verdienste für die Unabhängigkeit klar von den konkreten Vorwürfen trennen wollen.

Widersprüche und Herausforderungen in der Nachkriegs-Gesellschaft

Klar ist: Die Gräben zwischen Justiz und Gesellschaft sind tief. Ein nachhaltiger Versöhnungsprozess wird nicht nur juristische Entscheidungen benötigen, sondern auch offene Gespräche über das, was die UCK im Kampf gegen die serbische Dominanz tatsächlich getan hat – und was nicht. Vertrauen zwischen den Volksgruppen kann nur entstehen, wenn Schuld – unabhängig von Heldenstatus – benannt und anerkannt wird.

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