Wenn Digitalisierung schwer auf den Schultern lastet – Mehr Fehlzeiten bei körperlicher Arbeit

Eine aktuelle Untersuchung von ifo-Institut, IAB und der Uni Konstanz macht sichtbar: Wer körperlich arbeitet, kämpft bei digitalisierten Arbeitsplätzen häufiger mit gesundheitlichen Problemen. Überraschend hilfreich – oft machen schon gezielte Schulungen und verständnisvolle Chefs einen spürbaren Unterschied.

heute 10:59 Uhr | 2 mal gelesen

Digitalisierung – das klingt manchmal nach Science-Fiction, nach blitzenden Terminals und geschmeidigem Arbeiten im schicken Büro. Doch was bedeutet sie für Menschen, die tagtäglich eher mit Muskelkraft als mit Mausklicks rackern? Genau dieser Frage näherten sich ifo-Institut, IAB und die Universität Konstanz in einer umfassenden Studie. Ihr Ergebnis: Für Beschäftigte in körperlichen Berufen bedeutet technischer Fortschritt oft eine spürbare Zusatzbelastung – mit mehr Krankheitstagen als Folge.

Digitale Zwänge im Handwerk?

Interessant ist: Die Studie wirft einen kritischen Blick darauf, wie unterschiedlich Digitalisierung in geistigen und körperlichen Berufen wirkt. Während im Bürokomplexes Programme und Tools schon gewohnter Alltag sind, stellt die Welle vernetzter Maschinen und Sensoren in Lager, Produktion oder Pflege viele vor neue Herausforderungen. Die Aufgaben werden komplexer, die Anforderungen steigen – und das ist nicht bloße Theorie, es spiegelt sich in fast 20 Prozent mehr Fehlzeiten pro Jahr wider. Ein frappierender Wert.

Technostress – ein neuer Klassiker?

Vielleicht ist das Wort schon jetzt ein Klassiker: Technostress. Die Forscher deuten an, dass besonders diejenigen unter Druck geraten, die bisher wenig Erfahrung mit digitaler Technik hatten. Körperlich Tätigen, nicht selten mit geringerer formaler Bildung, fehlt es oft an Know-how im Umgang mit Tablet, Scanner oder smarter Maschine. Das zerrt an den Nerven – und offensichtlich auch an der Gesundheit.

Schulbank statt Krankenbett?

Es gibt einen Silberstreif: Die Studie zeigt, dass gezielte Weiterbildungen und regelmäßige Unterstützung durch Führungskräfte eine spürbare Entlastung bringen. Wer formell geschult wird und weiß, wen er im Zweifel fragen kann, bleibt widerstandsfähiger. Das widerspricht ein wenig dem Spruch “Zeit ist Geld” – denn höhere Löhne allein reichen offenbar nicht aus, um den Digitalstress abzufedern.

Digitalisierung – mehr als Bits und Bytes

Was meinen die Forscher eigentlich genau mit Digitalisierung? Es geht weit über den alten Büro-Computer hinaus: Gemeint sind smarte Maschinen, Big Data, Robotik und KI bis hin zu virtuellen Realitäten. Plötzlich sind diese Technologien auch im Werkstattalltag, in der Logistik oder Pflege Realität – und treffen oft auf Menschen, die nicht täglich mit modernen IT-Lösungen arbeiten.

Genau diese Bruchstelle ist sozialpolitisch brisant: Menschen in körperlichen Berufsgruppen sind ohnehin häufiger krank. Kommen jetzt weitere Anforderungen obendrauf, entsteht eine gefährliche Schere zwischen der digitalen Verwaltung und den Realarbeitsplätzen. Ausfallzeiten steigen, und Unternehmen brauchen dann mehr denn je verlässliche Weiterbildungsangebote.

Nicht die Digitalisierung ist das Problem – sondern das Wie

Die Kernbotschaft bleibt hängen: Ob Digitalisierung am Arbeitsplatz zur Überforderung führt, entscheiden soziale Faktoren – nicht Bits und Bytes. Werden die Beschäftigten gut vorbereitet, einbezogen und unterstützt, lassen sich viele Belastungen auffangen. Die eigentliche Stellschraube liegt nicht im Rechner, sondern in der Art und Weise, wie Menschen diesen Wandel erleben – und wie Organisationen dabei begleiten.

Die jüngste Untersuchung von ifo, IAB und Uni Konstanz räumt gründlich mit dem Mythos auf, dass Digitalisierung vor allem ein Segen für alle sei. Speziell bei körperlichen Tätigkeiten führt digitale Technik oftmals zu höherem Stress und einer deutlich erhöhten Zahl von Krankheitstagen – im Schnitt um 20 Prozent mehr als bei klassisch digitalisierten Büroberufen. Damit die Digitalisierung nicht zur neuen Belastungsprobe wird, raten die Forscher zu pragmatischen Gegenmaßnahmen: weniger Technikschock, mehr Weiterbildung, und eine Chefetage, die zuhört statt Druck zu machen.

Aktuelle Artikel von ZEIT Online und FAZ berichten ebenfalls über die Auswirkungen des technischen Wandels auf verschiedene Berufsbilder und betonen, dass vor allem geringqualifizierte Berufe mehr Unterstützung bei der digitalen Transformation benötigen. Nach taz.de (Artikel vom 11.06.2024) rücken insbesondere Gewerkschaften eine stärkere Einbindung und Mitbestimmung der Belegschaften in den Fokus, um technologischem Stress und einer weiteren Spaltung zwischen Hand und Kopf zu begegnen. Zudem zeigen Berichte von dw.com und spiegel.de, dass gesunde Arbeitsbedingungen und Investitionen in Weiterbildung entscheidend sind, um Fehlzeiten und Überforderung zu verhindern – und fordern die Politik auf, entsprechende Förderprogramme zügig auszubauen.

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