Zwischen Vergessen und Hoffnung: Alltagskämpfe syrischer Flüchtlingsfamilien im Libanon

Köln – Zwischen den zerfledderten Seiten eines alten Schulhefts und dem schneidenden Wind einer Notunterkunft: Für ein syrisches Mädchen war das Bedürfnis nach Bildung auf der Flucht ein Lichtstrahl inmitten der Unsicherheit. Ihr Traum, irgendwann Lehrerin zu werden, blieb wie ein Versprechen in den Trümmern. Solche Erfahrungen begegnen Farah Saifan von Islamic Relief im Libanon immer wieder – vor allem jetzt, zum Weltflüchtlingstag, will die Hilfsorganisation die Welt daran erinnern, dass das Schicksal geflüchteter Familien nicht mit der Flucht endet.

heute 11:50 Uhr | 3 mal gelesen

Wenn Farah Saifan von ihrer Arbeit berichtet, bleibt ein Bild haften: Ein junges syrisches Mädchen, die – fast alles verloren und doch festhaltend an einem zerknitterten Notizbuch – weiter für ihren Traum kämpft. Das Überleben zu sichern sei wichtig, sagt Saifan, aber was oft übersehen wird: Es geht gleichermaßen um die Bewahrung von Wünschen und Lebensmut. Der Libanon, bekanntlich ohnehin krisengebeutelt, zählt mittlerweile so viele Geflüchtete pro Kopf wie kaum ein anderes Land, jede fünfte Person im Land ist vor Krieg und Elend geflohen. Viele syrische Familien stecken nach wie vor fest, entwurzelt seit mehr als einem Jahrzehnt, und das in einem Land, das selbst im Dauerkrisenmodus verharrt – wirtschaftliche Unsicherheit, Inflation, wieder aufflammende Gewalt. Die Abhängigkeit von Hilfsorganisationen bleibt erdrückend hoch, besonders für Kinder, die teils mehrfach vertrieben wurden oder nur das Leben im Übergang kennen. Wer Flucht als einmaliges Ereignis abtut, verkennt diese Realität – Flucht, das ist für viele ein Zustand, der Stretch in Jahre und Lebensentwürfe. Islamic Relief versucht, mehr als nur kurzfristige Akuthilfe zu bieten: Von Essenspaketen über Schulmaterial bis hin zur Betreuung traumatisierter Kinder. Besonders betroffen mache Saifan, so sagt sie, die zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber den sogenannten ‚vergessenen Krisen‘ – während etwa akute Katastrophen die Aufmerksamkeit binden, werden Langzeitgeflüchtete aus Syrien, Afghanistan oder Sudan an den Rand gedrängt. Die Not ist groß, der Spagat zwischen zurückhaltender Hilfe und dringend benötigter Unterstützung noch größer. Gerade zum Weltflüchtlingstag richtet Islamic Relief einen Appell an Politik und Gesellschaft: Es geht nicht um Mitleid, sondern um echte Perspektiven – Sicherheit, Teilhabe, einen Funken Hoffnung. Islamic Relief ist seit 2006 im Libanon dabei, permanent in Notlager, Schulen, Kliniken präsent. Der Hunger nach einem normalen Leben, der Zug nach Bildung und Autonomie – das alles versiegt nicht, nur weil die Kameras und Scheinwerfer abdrehen.

Inmitten einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen der libanesischen Geschichte kämpfen syrische Geflüchtete um ihr bloßes Überleben und ihre Würde. Die ohnehin prekäre Versorgungslage wird verschärft durch Kürzungen internationaler Hilfe und einer zunehmend feindseligen politischen Stimmung gegenüber Flüchtlingen, wie zahlreiche aktuelle Berichte von Human Rights Watch und anderen Organisationen zeigen. Ein paar jüngste Schlaglichter aus der Presse: Die taz berichtete kürzlich über verschärfte Polizeikontrollen und Zwangsausweisungen, die das Leben vieler Syrer im Libanon unsicherer machen, während die Zeit in einem Essay beleuchtet, wie die „unsichtbare Krise“ der syrischen Geflüchteten außerhalb der großen Kriege fast vergessen wird und die Süddeutsche Zeitung sich mit dem drohenden Kollaps des libanesischen Sozialsystems durch die Flüchtlingslage beschäftigt.

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