Selten sind Aussagen so klar, wie die von Wolfgang Kubicki und Kristina Schröder zur sogenannten Brandmauer der etablierten Parteien gegenüber der AfD. Beide stellen offen infrage, ob das Konzept der totalen Abgrenzung heute noch wirksam ist.
Kubicki: Brandmauer als Bumerang
"Die Brandmauer hat der AfD genutzt, anstatt sie zu schwächen", sagt Kubicki offen im Interview mit dem "Stern". Ein verblüffender Gedanke: Was, wenn der Versuch, die AfD systematisch auszugrenzen, sie genau dadurch stärker und attraktiver gemacht hat? Laut Kubicki gewinnt die Partei gerade durch diese Behandlung an Profil, fast als würde sie auf eine Bühne gehoben werden, statt im politischen Alltag kritisch durchleuchtet zu werden.
Er spricht sich dafür aus, die AfD wie jede andere Partei zu behandeln – ohne faule Kompromisse, aber auch ohne, sie zur Märtyrerin hochzustilisieren. Sie soll sich der normalen politischen Auseinandersetzung stellen – und dabei, so Kubickis Hoffnung, an Wirkung verlieren.
Schröder setzt auf "rote Linien"
Auch Kristina Schröder warnt davor, die Brandmauer-Strategie weiter stur zu verfolgen. Sie bringt den Begriff der "roten Linien" ins Spiel – also klare, offen kommunizierte Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen.
Statt allgemeiner Ablehnung solle es nachvollziehbare Kriterien geben, was inakzeptabel ist. Inhalte und Personalien der AfD würden so gezielt konfrontiert, ohne in pauschale Ablehnung abzurutschen. Schröder meint, das könne die AfD auch intern unter Druck setzen.
Zwischen Normalisierung und Kritik
Beide betonen ausdrücklich: Ihr Ansatz bedeute keine Annäherung an AfD-Positionen und keine Koalitionen. Vielmehr gehe es darum, das gesellschaftliche Klima zu entgiften und der AfD die Außenseiterrolle zu nehmen, die sie attraktiv erscheinen lässt.
Natürlich schwebt über allem die Frage: Was, wenn diese Strategie ebenfalls verpufft? Ein Restzweifel bleibt spürbar und wird – typisch menschlich – nicht ganz wegmoderiert.
AfD im Aufwind – und die Parteienlandschaft im Umbruch?
Die Kritik an der Brandmauer kommt zu einer Zeit, in der die AfD bundesweit – insbesondere aber in Kommunal- und Landtagsparlamenten ostdeutscher Länder – teils massive Zugewinne verbucht hat. Die etablierten Parteien stehen tatsächlich vor einer Strategiekrise: Totalabgrenzung oder Einbindung mit klaren Grenzen?
Wie geht man mit einer Partei um, die vielerorts zweit- oder gar stärkste Kraft ist? Sind alte Mechanismen überholt? Es stehen Wahlen bevor – und vermutlich auch einige Überraschungen.
Strategische Gratwanderungen und offene Fragen
Die Debatte um rote Linien versus Brandmauer ist eigentlich eine um den Kern politischer Auseinandersetzung in der Demokratie. Wie kann man einer demokratisch gewählten, aber in Teilen extrem orientierten Partei begegnen, ohne die Gesellschaft weiter zu polarisieren? Ob Schröder und Kubicki mit ihrem Ansatz einen Trend setzen, wird sich erst zeigen, wenn der nächste Wahlkampf heiß läuft – oder schon früher, in Kommunen, wo plötzlich keine klaren Mehrheiten mehr zustande kommen.