Nachlässigkeit? Abdul B. erschien beim Deradikalisierungs-Check unauffällig

Nach der Haft im Mai stand Abdul B., mutmaßlicher Angreifer des Berliner CSD, womöglich kurz vor einem Deradikalisierungsprogramm – doch war das überhaupt sinnvoll?

heute 16:53 Uhr | 3 mal gelesen

Thomas Mücke, Chef und Mitgründer des 'Violence Prevention Network' (VPN), schilderte dem 'Spiegel' den Ablauf der Betreuung von Abdul B.: Nach seiner Freilassung aus der Jugendstrafe im Mai hatte Abdul B. als Bewährungsauflage eigentlich ein zumindest loses Begleitprogramm bei VPN aufgebrummt bekommen. In der Praxis steckte das Ganze aber noch in den Kinderschuhen. Es gab bisher lediglich zwei Gespräche, das erste am 15. Juni und ein weiteres am 8. Juli. Mücke beschrieb Abdul B. dabei als höflich, unauffällig, zugleich aber ziemlich ausweichend und wenig greifbar. Bald wuchs bei dem Team die Skepsis – lohnte sich überhaupt eine Aufnahme in tiefergehende Maßnahmen? Vorausgesetzt ist ja immer, dass jemand selbst sein Problem erkennt oder zumindest andeutet, dass er darüber sprechen will. Ob aus Trägheit oder Kalkül: Das kam bei Abdul B. nicht rüber. Das abschließende, alles entscheidende dritte Treffen stand noch aus, als dann der Anschlag im Tiergarten passierte. Die beiden ersten Kontakte hätten überhaupt keine Warnsignale ergeben, so Mücke später, sonst hätte man natürlich sofort Alarm geschlagen. Das zeigt, wie schwer Einschätzungen im echten Leben sein können und dass die Ziguren nicht immer in simplen Mustern handeln.

Die Begleitung potenzieller Gefährder nach dem Strafvollzug ist in Deutschland umstritten, was der Fall Abdul B. erneut deutlich macht. Die Verantwortlichen im 'Violence Prevention Network' hatten trotz ihrer Erfahrung nicht den Eindruck, dass von Abdul B. direkte Gefahr ausgeht – ein Eindruck, der sich auf nüchternes, distanziertes Verhalten stützte. Dennoch bleibt die Frage offen, wie solche Präventionsprogramme künftig funktionieren sollten, etwa ob mehr Zwang oder andere Methoden notwendig wären, damit echte Bedrohungen nicht unerkannt bleiben. Das Thema rückt in der deutschen Öffentlichkeit gerade wieder in den Fokus – zumal Aktionen wie in Berlin zeigen, wie schwer Prävention in der Realität umzusetzen ist. Laut aktuellen Berichten aus anderen Medien wird in der Politik jetzt verstärkt diskutiert, wie man nachträgliche Überwachung, Betreuung und Deradikalisierungsangebote effektiver verknüpfen kann, um Anschläge besser zu verhindern.

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