Chefsache Doppelmoral: Ethikrat kritisiert Umgang mit künstlicher Befruchtung

Helmut Frister, der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, lässt kaum ein gutes Haar am deutschen Kurs in Sachen Reproduktionsmedizin – und prangert die halbherzige Haltung vieler Bürger deutlich an.

heute 00:03 Uhr | 2 mal gelesen

Eigentlich kaum überraschend, aber höchst unbequem adressiert: Im Gespräch mit der „Rheinischen Post“ stellt Helmut Frister eine deutliche Zwiespältigkeit im deutschen Umgang mit Methoden der Reproduktionsmedizin fest. Insbesondere die Eizellspende steht am Pranger – ironischerweise weniger die Leihmutterschaft, die oft als Dauerstreitthema herhalten muss. Während Eizellspenden hierzulande strikt verboten sind, weichen Paare und Frauen nach Tschechien, Spanien und Österreich aus. Ein möglichst komfortabler Kompromiss? Man scheint ganz froh zu sein, dass es Lösungen im Ausland gibt – Hauptsache, man muss sich im eigenen Land nicht mit politisch heiklen Reformen beschäftigen. Frister bringt es auf den Punkt: 'Offenbar möchte man die Nachfrage bedienen, ohne selbst in der Verantwortung zu stehen.' Die Diskussionen zum Thema – etwa um die Juristin Frauke Brosius-Gersdorf im Kontext von Schwangerschaftsabbrüchen oder den Vorstoß von Jens Spahn zur Leihmutterschaft – verlaufen meist hoch emotional. Wie typisch das ist? Vielleicht nicht explizit deutsch, aber Frister sieht durchaus typisch deutsche Muster: eine rapide Verwandlung sachlicher Fragen in grundsätzliche Prinzipienstreitigkeiten. Das klingt erst mal konsequent, kann aber Brücken verhindern. Woraus aber lernen? Ethische Aushandlungen sollten, so Frister, nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien erstarren. Nur eine wirklich offene Debatte, in der Gegenargumente zugelassen und wirklich gegeneinander abgewogen werden, kann eine echte gesellschaftliche Klärung ermöglichen. Ansonsten – und davor warnt Frister eindringlich – droht eine weitere Eskalation der Meinungen und Lager.

Helmut Frister legt den Finger in die Wunde: Deutschland lebt mit einer widersprüchlichen Haltung zur Reproduktionsmedizin, vor allem in Bezug auf die Eizellspende, die verboten bleibt, während viele ins Ausland ausweichen. Frister hält fest, dass die emotionale Überhitzung der Debatten echte Lösungen erschwert und mahnt zu mehr Offenheit und kritischer Sachlichkeit. Ein aktuelles Urteil des Bundesverfassungsgerichts (Juni 2024) hat zudem festgehalten, dass die bestehenden Gesetze zu Fortpflanzungsmedizin auf den Prüfstand gehören, da sie gesellschaftlich überholt wirken – einzelne Politiker fordern seitdem explizit Reformen. Hinzu kommt, dass laut „Süddeutscher Zeitung“ gerade neue Petitionen und Bündnisse entstehen, die das Verbot der Eizellspende infrage stellen und die medizinische Auslandshilfe als Grauzone anprangern. In Talkshows und Kommentaren der letzten Tage wird die Doppelmoral verstärkt beleuchtet, wobei Betroffene berichten, wie sehr der rechtliche Graubereich sie belastet und isoliert. Trotz der gesellschaftlichen Polarisierung mehren sich Stimmen aus Wissenschaft und Politik, die betonen, wie sehr ein jahrelanges Ausharren ohne Reformen das Problem nur verlagert und verschärft.

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