G-BA-Vorsitzende Sonja Optendrenk denkt über Kostenerstattung für Abnehmspritzen nach

Die Chefin des Gemeinsamen Bundesausschusses, Sonja Optendrenk, zeigt sich offen dafür, dass Adipositas-Medikamente wie Wegovy künftig von den gesetzlichen Kassen bezahlt werden könnten – und fordert ein Umdenken im Umgang mit Fettleibigkeit.

vor 58 Minuten | 2 mal gelesen

Wenn man Sonja Optendrenk zuhört, entsteht fast der Eindruck, Deutschland tappe in Sachen Adipositas noch im Nebel der 90er-Jahre. "Wir sind bei der Anerkennung von Fettleibigkeit als echte Krankheit ganz schön hintendran", sagt sie dem Spiegel. Länder wie Großbritannien seien längst weiter und würden akzeptieren, dass Sport und Ernährung allein nicht bei allen helfen. Bisher gilt in Deutschland ein rigider Ausschluss: Medikamente wie Wegovy oder Mounjaro, eigens als Mittel gegen Adipositas entwickelt, werden als bloße Lifestyle-Produkte abgetan, die gesetzliche Krankenkassen nicht bezahlen. Für Betroffene ist das frustrierend, so Optendrenk; sie vermisst die gesellschaftliche Anerkennung der Krankheit. Es wäre "durchaus vorstellbar", so eine Spritze auf Kassenkosten zu ermöglichen – zumindest selektiv, mit gewissen Auflagen. Tabakentwöhnungsmittel zeigen, wie ein solcher Schwenk gesetzlich gehen kann. Denkbar sei, dass der G-BA klärt, für wen, unter welchen Bedingungen und mit welchen flankierenden Maßnahmen so eine Behandlung in Frage käme. Gleichzeitig warnt sie vor übereilten Hoffnungen: "Ohne nachhaltiges Konzept bringt eine Spritze wenig – und was Langzeitwirkungen betrifft, tappen wir noch im Dunkeln." Auch zur Preispolitik für Arzneimittel findet sie klare Worte. Jahrelang sah sie ein System, ausgerichtet am Industriestandort Deutschland – aber das, so Optendrenk, sei nicht zukunftsfähig. Die deutschen Kassen könnten die teuren Preise nicht dauerhaft tragen. Angriffe aus den USA, deutsche Kunden würden von amerikanischer Pharma subventioniert, weist sie schlagfertig zurück: "Wir haben in Europa keine Ramschpreise. Wenn die USA selber regulieren wollen, können sie das ja einfach tun." Für Krankenhäuser stellt sich die G-BA-Chefin ebenfalls auf Reform ein: Die Zahl werde wohl sinken, dafür solle jede Klinik das anbieten, was sie am besten kann. Spezial-OPs sollten dahin, wo das Fachwissen konzentriert sei. Übrigens: Dass der neue Gesundheitsminister Carsten Linnemann als unbeschriebenes Blatt gelte, sieht sie eher als Chance. Optendrenk ist die erste Frau in der G-BA-Spitze. Im Gremium wird festgelegt, welche speziellen Behandlungen und Medikamente künftig von den gesetzlichen Versicherungen für ihre rund 74 Millionen Mitglieder übernommen werden.

Sonja Optendrenk tritt mit dem Ziel an, das gesellschaftliche Verständnis für Adipositas zu modernisieren. Sie kritisiert die starren Regeln, nach denen neue Adipositas-Medikamente wie Lifestyle-Produkte behandelt und nicht von den Kassen übernommen werden – anders als etwa Mittel zur Tabakentwöhnung. Wichtige Punkte, die sie anspricht: Die ausstehende Anerkennung von Fettleibigkeit als Krankheit in Deutschland und die Notwendigkeit von langfristigen Begleitkonzepten beim Einsatz von Abnehmspritzen; zudem fordert sie eine offenere Debatte über die Finanzierung und Preisgestaltung von Medikamenten und spricht sich für eine stärkere Spezialisierung der Krankenhäuser aus. AKTUELLES aus den letzten 48 Stunden: Die künftige Einordnung von Abnehmmedikamenten bewegt weiterhin Medien und Politik. Laut taz.de macht die Ampel-Koalition Druck für eine umfassendere Erstattung neuartiger Therapien gegen Adipositas, verweist aber auch auf die Limitierungen vieler Präparate und einen aktuell zu beobachtenden Preiskampf der Hersteller. Auf spiegel.de wird weiter debattiert, wie neue Langzeitstudien die Risiken und Nebenwirkungen der Abnehmspritzen beleuchten und ob eine baldige Kassenübernahme realistisch ist. Ein FAZ-Bericht hebt hervor, dass mehrere Krankenkassen beim Bundesgesundheitsministerium konkrete Vorschläge eingereicht haben, die auf ein gestuftes Modell der Erstattung zielen – insbesondere für Hochrisiko-Patienten, bei denen klassische Therapiemethoden ausgeschöpft sind.

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