Wenn ich ehrlich bin, bekommt Deutschland das mit der Krankheitsvorbeugung nicht eben glänzend hin – zumindest, wenn man einen Blick über die Landesgrenzen wagt. In Sachen Bewegung, Ernährung und Tabakkonsum hinken wir hinterher. Das bemängelte jetzt auch der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, in einem Interview mit der 'Neuen Osnabrücker Zeitung'. Seiner Meinung nach müsste Politik da ansetzen, wo es wirklich zählt – und zwar schon früh, in Kindergärten und Schulen. Damit eine gesunde Lebensführung nicht bloß als abstraktes Ziel herumdümpelt, sondern praktisch gelernt wird. Und der öffentliche Gesundheitsdienst? Gassen erinnert mit gewisser Bitterkeit daran, dass die hehren Versprechen aus der Corona-Zeit ziemlich verpufft sind.
Interessant fand ich übrigens seinen Seitenhieb auf die Steuererhöhung für Tabak und hochprozentigen Alkohol: Das sei eher eine kleine Finanzspritze für den Staat als eine echte Entwöhnungsmaßnahme. "Richtig abschreckende Preise müssten her", ließ Gassen wissen – fünf bis zehn Euro obendrauf für eine Flasche Spirituosen, mindestens, und auch bei Zigaretten dürfte der Staat ruhig beherzter zulangen. Man stelle sich vor, Jugendliche könnten sich diese Konsumgüter schlicht gar nicht mehr leisten – die Auswirkungen auf die Gesundheit wären vermutlich enorm.
Überhaupt hält Gassen von den bisherigen Präventionsansätzen der Regierung nicht allzu viel: Planlosigkeit, Alibi-Maßnahmen, während parallel das Sparpaket an der Vorsorge sägt. Seine Kritik ist durchaus scharf: Pläne vorstellen, die effektiv keine Substanz haben, wirkt – um es mit Gassens eigenen Worten zu sagen – "fast schon zynisch".
Gassen prangert an, dass Deutschland in Sachen Krankheitsvorbeugung im internationalen Vergleich abgehängt wurde: Übergewicht, hohe Raucherquoten, zu wenig Sport. Nach seiner Ansicht ist ein radikaler Ansatz nötig – mehr Prävention bereits bei Kindern und Jugendlichen, massive Preissteigerungen für Tabak und Alkohol, sowie ein gestärkter öffentlicher Gesundheitsdienst. Trotz steigendem Problembewusstsein seien die bisherigen Maßnahmen viel zu halbherzig geblieben.
Ergänzend: Laut aktuellen Zahlen des Robert Koch-Instituts hat insbesondere die Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland in den letzten Jahren weiter zugenommen, was auch durch die Pandemie befeuert wurde. Verschiedene Fachgesellschaften drängen inzwischen auf eine verpflichtende Gesundheitsbildung in Schulen, damit lang anhaltende Effekte erzielt werden können. Zudem gibt es aktuell Diskussionen über ein umfassenderes Präventionsgesetz, das sowohl die Kommunen als auch die Krankenkassen stärker in die Verantwortung nehmen soll.