Milliardenschwere Rüstungsausgaben – finanziert größtenteils über Schulden – könnten aus Sicht von Moritz Schularick viel mehr als bloße Verteidigungsfähigkeiten bringen, wenn man sie nur sinnvoll einsetzte. Seit Beginn des Ukrainekriegs fragt sich der Ökonom, wie Deutschland Wehrhaftigkeit und Zukunftssicherung besser verbinden kann. Und er bleibt dabei: Neue Panzer sind im Zweifel nicht der klügste Hebel, um auf aktuelle Bedrohungen zu reagieren.
Schularick sieht Deutschlands Kapital, seine Industriekultur und technologische Expertise als echte Stärken, aber das Heer an Freiwilligen für Bodenkampf fehle schlicht. Mehr Technik, weniger Masse – Drohnen, KI und neue Produktionsmodelle hält er für geeigneter. Besonders kritisch sieht er die bürokratische Trägheit: Die gleiche Belegschaft in den Ministerien, nur mit viel mehr Etat, werde die Lage nicht revolutionieren. Sein Vorschlag: Ein politisch mächtiger Koordinator im Kanzleramt, der Branchen, Start-ups und Regierung auf Kurs bringt. Namen bringt er gleich mit: René Obermann, Tom Enders – Menschen, die Industrie aus dem Effeff kennen.
Doch das eigentliche Problem fängt bei der Art der Beschaffung an. Statt Kleinserien von ultrakomplexen Panzer-Systemen oder ein paar Hundert Raketen plädiert Schularick für den Aufbau flexibler Fertigungen: Fabriken, die im Krisenfall blitzschnell Zehntausende Einheiten liefern können. Der Staat müsse dann einspringen und Unternehmen für das Vorhalten solcher Kapazitäten kompensieren – ein Prinzip, das etwa bei Impfstoffen nach Corona zum Einsatz kam. Am Ende, findet Schularick, geht es weniger um mehr Geld als um einen Denk- und Systemwechsel.
Moritz Schularick macht sich Sorgen, dass die derzeitige Ausrichtung der Verteidigungsausgaben Deutschlands an den Bedürfnissen der Vergangenheit orientiert ist. Er fordert einen grundlegenden Systemwechsel: Zentrale Steuerung, innovationsgetriebene Beschaffung und Aufbau strategisch wichtiger Produktionskapazitäten. Als weitere aktuelle Ergänzungen (Stand Juni 2024): Im Rahmen der Haushaltsdebatten mehren sich Stimmen, die Kritik an der Umsetzung der "Zeitenwende" und an nur schleppenden Reformfortschritten in der Bundeswehr üben. Experten warnen zudem davor, dass Deutschland Gefahr läuft, bei der militärischen Digitalisierung gegenüber den USA, Israel und China weiter zurückzufallen. Gleichzeitig gibt es Anzeichen, dass einzelne Projekte, etwa der künftige Kampfjet FCAS oder die Digitalisierung der Streitkräfte, mit erheblichen Mehrkosten und Verzögerungen kämpfen.