Verfassungsschutz sieht größte islamistische Gefahr bei allein handelnden Tätern

Nach Einschätzung des Thüringer Verfassungsschutzpräsidenten Stephan Kramer stellen derzeit Einzelpersonen die vorrangige islamistische Terrorgefahr in Deutschland dar.

heute 06:11 Uhr | 3 mal gelesen

Wenn ich ehrlich bin, überrascht mich diese Einschätzung kaum: Stephan Kramer, der die Geschicke des Thüringer Verfassungsschutzes lenkt, meint, dass vor allem Einzeltäter – oder Minigruppen, die autark Entscheidungen treffen – am ehesten eine islamistische Bedrohung darstellen. Solche Täter nutzen, so Kramer, oft simpel verfügbare Dinge: ein Auto, ein Messer, selbst gebaute Waffen. Die Gefahr: dauerhaft hoch, aber zum Glück nicht wie ein Flächenbrand. Blicken wir beispielhaft auf den Angriff beim Berliner Christopher Street Day, sieht man laut Kramer eine Blaupause für Risiken: Tiefe Radikalisierung, missglückte Ausreisepläne in den Dschihad, „Gefährder“-Status mit Haft- und Auslandserfahrung sowie eine erst kürzlich beendete Haftzeit. Bemerkenswert: Kramer warnt davor, Herkunft und Religion überzubewerten. Tatsächlich wird Islamismus oft erst vor Ort ausgelöst – mit der deutschen Staatsangehörigkeit hat das offenbar nichts zu tun und auch die Wurzel der Eltern ist kein hinreichender Erklärungsversuch. Entscheidend ist das Verhalten: die Radikalisierung. Krisenhaft ist Kramers Blick auf rechtsstaatliche Maßnahmen: Verdächtige können ohne konkreten Tatverdacht nicht ewig eingesperrt werden. Und jede Minute permanente Überwachung verschlingt immense Ressourcen – und kann spontane Attacken kaum gänzlich verhindern. Was tun? Frühes Durchgreifen, bessere Betreuung in Gefängnissen, elektronische Fußfesseln, intensive Nachsorge, und eine konsequente Ent-Radikalisierung, so Kramer. "Da gibt es noch richtig viel zu tun", sagt er – klingt fast wie bitterer Alltag. Wichtig bleibt: Die islamistische Gefahr ist kein reines Importgut. Viele Täter wachsen mitten in Deutschland auf. Der Einfluss sozialer Medien, Freundeskreise, Gefängnisse, Klicken im Netz – das alles spielt hierzulande eine bedeutende Rolle bei der Radikalisierung.

Kramer unterstreicht, dass vor allem Einzeltäter momentan die größte Gefahr für islamistisch motivierte Anschläge darstellen. Die Täterprofile zeigen meist eine Mischung aus fortgeschrittener Radikalisierung, frischer Haftentlassung und gescheiterten Ausreiseplänen Richtung IS. Besonders kritisch bleibt dabei das Problem, dass islamistische Radikalisierung oft in Deutschland selbst stattfindet – meist abseits von Herkunfts- oder Religionsklischees. Recherchen der letzten beiden Tage zeigen eine Zunahme von Überwachung islamistischer Chatgruppen sowie wachsende Sorge vor neuen, schwer kontrollierbaren Einzeltäter-Attentaten. Zudem richten sich viele Forderungen an die Politik, in der Prävention nicht nachzulassen und sowohl digitale als auch soziale Radikalisierungswege stärker in den Blick zu nehmen.

Schlagwort aus diesem Artikel