Buchenwald-Direktor wirft AfD Missbrauch des NS-Widerstands vor

Jens-Christian Wagner, Leiter der Buchenwald-Gedenkstätte, kritisiert die AfD für den Umgang mit dem Gedenken an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

heute 00:02 Uhr | 6 mal gelesen

Manchmal fasst man es kaum, wie weit politische Akteure heute gehen. Jens-Christian Wagner, der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, findet jedenfalls ziemlich deutliche Worte: Seiner Meinung nach bohrt die AfD seit Jahren an der historischen Wahrheit herum. Sie konstruiere sich ein Bild, das den Widerstand vom 20. Juli 1944—also Stauffenberg, die Geschwister Scholl oder ähnliche Persönlichkeiten—auf heutige Verhältnisse übertrage. Dabei tut die AfD gerade so, als stünden ihre Mitglieder in der Tradition des Widerstands gegen verschiedene angebliche Unterdrücker-Regime; mal ist es Corona, mal Merkel, dann wieder die Ampelkoalition, neuerdings auch Merz und Co. Diese Verzerrungen sind nicht einfach bloße Meinung, so Wagner, sondern laufen handfest auf Geschichtsrevisionismus, Verharmlosung des Holocausts oder gar NS-Verherrlichung hinaus, wie sie immer wieder in Statements von AfD-Funktionären durchblitzen. Ein besonders lauter Streitpunkt ist für Wagner, dass AfD-Abgeordnete bei Gedenkveranstaltungen auftauchen und Kränze niederlegen. Für ihn eine klare Provokation: 'Das ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer der NS-Verbrechen', sagt Wagner und gibt ganz offen zu, die Reaktion von Tobias Korenke voll zu unterstützen. Zur Erinnerung: Korenke, Enkel des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, hatte aus Protest einen Kranz der AfD während einer offiziellen Zeremonie entfernen wollen. Wagner meint sogar, solchen Eigensinn müsse man ehren – etwa mit einem Preis für Zivilcourage im Kampf gegen Geschichtsverdrehung. Ganz ehrlich? Die Debatte zeigt, dass Erinnerungskultur eben nicht einfach nur ein Ritual ist. Sie ist gesellschaftlicher Kampfplatz, immer wieder neu.

Die Diskussion über die Rolle der AfD bei NS-Gedenkveranstaltungen ist kein Einzelfall. In den letzten Jahren häufen sich Vorwürfe, dass Parteien und Bewegungen in ganz Europa historische Widerstandskämpfe in ihren politischen Diskurs einbauen, oft, um sich selbst zu inszenieren oder von gegenwärtigen Problemen abzulenken. Studien und Medienberichte warnen seit Längerem vor einer Normalisierung geschichtsrevisionistischer Narrative, gerade weil sie in Teilen der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden fallen und die Grenze zwischen Gedenken und Politik verwischen. Besonders auffällig ist, wie sehr die Debatte um Erinnerungskultur in Ostdeutschland, aber auch regional unterschiedlich geführt wird und wie engagiert Gedenkstättenleiter, Angehörige von NS-Opfern und Historiker auf politisch motivierte Vereinnahmung reagieren. Manche Stimmen plädieren inzwischen dafür, den Zugang zu offiziellen Gedenkveranstaltungen stärker zu reglementieren, während andere auf einen offenen, aber klaren öffentlichen Diskurs setzen.

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