Mitten in der Debatte rund um digitale Gewalt, die in den vergangenen Tagen dank zahlreicher Demonstrationen in vielen deutschen Städten neu entfacht wurde, äußert sich Collien Fernandes überraschend klar und nachdrücklich. Ihr Hauptanliegen: Die von vielen unterschätzte digitale Gewalt gegen Frauen muss endlich tiefgreifend und dauerhaft bekämpft werden.
Mehr als lautes Getöse – Fernandes will echte Veränderung
"Das darf jetzt nicht einfach verpuffen wie ein lautes Geräusch, dem alle kurz Beachtung schenken und dann weitermachen wie bisher", warnt Fernandes in ihrer typischen, unverblümten Art, als sie sich gegenüber der Funke-Mediengruppe äußert. Es reiche nicht, aus kurzzeitigem Mitgefühl auf die Straße zu gehen – die Gesellschaft müsse ernsthaft umdenken und so lange dranbleiben, bis wirkliche Fortschritte spürbar sind.
Spürbar irritiert zeigt sich die 44-Jährige dabei von der Reaktion vieler Männer auf ihren öffentlichen Erfahrungsbericht. Sie nimmt wahr, dass Männer oft sofort beschwichtigend betonen, "nicht alle sind so" – statt sich ehrlich mit den Erfahrungen von Frauen auseinanderzusetzen. Dieses Abwehrverhalten blockiert laut Fernandes eine echte, offene Auseinandersetzung mit sexueller und digitaler Gewalt.
Männer in der Defensive – und warum das schadet
Das Thema bringt Spannungen an die Oberfläche. Männer werfen Frauen schnell vor, "männerfeindlich" oder "übertrieben feministisch" zu sein, wenn Fälle digitaler oder körperlicher Übergriffe öffentlich gemacht werden. Dabei gehe es, wie Fernandes betont, nie ums pauschale Verurteilen, sondern immer um die Wahrnehmung und Anerkennung des tatsächlichen Leids – und um die Verteidigung von Grundrechten.
Die Schauspielerin kritisiert, dass vielerorts immer noch reflexartige Rechtfertigungen die Diskussion bestimmen, anstatt das eigentliche Problem in den Fokus zu rücken. Ein wenig erinnert das an Situationen, in denen jemand auf einen Fehltritt hingewiesen wird und dann alles gibt, um sich selbst aus dem Schussfeld zu bringen, statt zuzuhören.
Vernetzung als Gegengift gegen Einsamkeit
Fernandes hat einen Appell, der weit mehr ist als ein gut gemeinter Kalenderspruch: Frauen, die von Gewalt betroffen sind – ob digital oder im direkten Umfeld – sollen sich miteinander austauschen. Sie bekräftigt: "Sprecht auch dann, wenn ihr glaubt, dass euch keiner Glauben schenkt!" Denn durch das Teilen von Erfahrungen wächst das Gemeinschaftsgefühl, und oft werden die immer gleichen Muster sichtbar, die im Verborgenen sonst nicht erkannt würden.
Digitale Gewalt – dumpf wachsendes Problem
Digitaler Missbrauch bleibt ein gesellschaftlicher Graubereich, auch weil die Methoden ständig raffinierter werden. Das beginnt bei Kontrolle von Geräten und Apps und endet oft in öffentlicher Bloßstellung oder direktem Mobbing. Nicht selten überschneiden sich digitale und häusliche Gewalt – man denke an toxische Partner, die Social-Media-Accounts überwachen, GPS-Ortungsdienste ausnutzen oder intime Inhalte verbreiten, um Kontrolle auszuüben.
Auch der Gesetzgeber ist dabei oft noch einen Schritt zu langsam, was die Unsicherheit vieler Betroffener weiter verstärkt. Wer bedroht wird, weiß häufig gar nicht, an wen er sich tatsächlich wenden kann – ein Problem, auf das Fernandes durchaus eindringlich hinweist.
Dauerhafte Aufmerksamkeit ist gefragt
Denn: Die Reflexe, die Fernandes bei Männern kritisiert, zeigen, wie tief das gesellschaftliche Unverständnis in Teilen noch immer sitzt. Wer Betroffene zu "Männerhasserinnen" erklärt, entzieht sich der eigentlichen Diskussion. Was als „Kampf um Gerechtigkeit“ gemeint ist, wird so oft zu einer Nebelkerze degradiert. Fernandes bleibt dabei: Sichtbarkeit und der Austausch untereinander sind das Fundament, um Gewaltmuster aufzuzeigen und Verantwortliche – ob Täter oder System – zur Aufgabe zu zwingen.
Denn letztlich betrifft's nicht nur "die anderen"
Und manchmal, so denke ich, ist dieses Thema viel näher, als man meint. Viele schweigen, aus Scham, Angst oder weil sie glauben, Einzelfall zu sein. Erst der Austausch und der öffentliche Raum machen sichtbar: Es ist eine strukturelle Frage, längst nicht mehr „nur“ ein individuelles Problem – die Gesellschaft steht in der Pflicht, zu handeln.
Collien Fernandes zeigt mit ihren Aussagen, wie dringend notwendig ein gesellschaftliches Umdenken im Umgang mit digitaler Gewalt gegen Frauen ist. Besonders hebt sie hervor, dass der Diskurs oft von Abwehrreaktionen und dem Fokus auf mögliche Falschbeschuldigungen geprägt ist, statt sich solidarisch auf die Perspektiven und den Schutz von Betroffenen zu konzentrieren. Recherchen zeigen zudem, dass digitale Gewalt in den vergangenen Jahren kontinuierlich zunimmt; Politik und Gesetzgebung reagieren zwar mit neuen Vorstößen (z.B. BKA-Meldestelle, erweiterte Schutzgesetze, Förderprogramme für Beratungsstellen), doch strafrechtliche Hürden und mangelnde Ressourcen hemmen Betroffene weiterhin, ihre Rechte effektiv einzufordern. Der gesellschaftliche Umgang mit Betroffenen variiert stark je nach Umfeld und Milieu – nach wie vor sind Solidarität und Offenheit keine Selbstverständlichkeit. Der künftige Kampf gegen digitale Gewalt braucht daher einen langen Atem, bessere Prävention – und vor allem mehr Beteiligung der ganzen Gesellschaft. Aktuelle Medienberichte unterstreichen, dass das Thema auf der politischen Agenda geblieben ist, zuletzt durch Debatten um Verschärfungen im Netzwerkdurchsetzungsgesetz, aber es fehlt an konsequenter Umsetzung und reicht bis in den Alltag von Jugendlichen und Familien hinein.