Peter Liese: Neue Vorschläge zur Reform des EU-Emissionshandels auf dem Tisch

Peter Liese, Berichterstatter im EU-Parlament, will die Verpflichtung der Unternehmen zu Klima-Investitionen im Emissionshandel zeitlich eingrenzen und zugleich die Mitgliedstaaten stärker an der Finanzierung der Dekarbonisierung beteiligen. Sein Ansatz verändert nicht nur die Bedingungen für Gratis-Zertifikate, sondern auch die Geschwindigkeit der Emissionsreduktion.

heute 16:39 Uhr | 2 mal gelesen

Peter Liese (CDU) hat als Berichterstatter für die ETS-Reform im EU-Parlament einen eigenen Mix aus Entlastung und Verpflichtung vorgeschlagen – und sorgt damit für neue Diskussionen.

Einordnung: Wie funktioniert der Emissionshandel bisher?

Viele Industriebetriebe in der EU erhalten nach wie vor einen Teil ihrer CO2-Zertifikate gratis – ein Erbe der Sorge um globale Wettbewerbsfähigkeit. Doch mit dem größten Klimapaket „Fit for 55“ versucht die EU, dieses System zu verschlanken. Gleichzeitig schützt ein neuer CO2-Grenzzoll (CBAM) die heimische Industrie, indem er Importe aus Ländern mit laxer Klimapolitik verteuert.

Streitpunkt: Konditionen für Gratis-Zertifikate

Die EU-Kommission möchte weiterhin kostenlose Zertifikate verteilen, macht das künftig aber strikt abhängig davon, dass Unternehmen die Ersparnisse in klimafreundliche Investitionen stecken. Lieses Vorschlag schiebt diese Pflicht auf: Erst ab 2031 sollen Unternehmen für neu ausgegebene Zertifikate klare Nachweise liefern, dass sie das tun. Und: Je näher das Jahr 2040 rückt, desto konkreter werden die Anforderungen.

Wer zahlt die Klimarechnung?

Einige dürften sich fragen: Wieso sollen auf einmal nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Staaten selbst mehr Verantwortung übernehmen? Liese meint, statt 50 sollen 75 Prozent der Einnahmen aus dem Zertifikatehandel von den Ländern selbst für klimafreundliche Transformation verwendet werden. Für die Entwicklung nachhaltiger Technologien und Netze käme damit deutlich mehr Geld zusammen. Ob die Staaten diese Mittel auch tatsächlich ausgeben – das bleibt ein potenzieller Stolperstein.

Tempo-Frage: Wie schnell müssen die Emissionen sinken?

Bisher schmilzt die Menge der Zertifikate jährlich um über vier Prozent – ein ziemlich steiler Pfad. Die Kommission will diesen Trend leicht abbremsen, doch Liese schlägt etwas anderes vor: Erst gibt er der Industrie mehr Zeit (und CO2-Budget) – aber ab 2036 zieht er die Daumenschrauben kräftiger an als bislang geplant. So wird aus einem sanften Kurvenverlauf plötzlich ein steiler Abstieg.

Drittstaaten und Flugverkehr – eine Fußnote?

Eine Randnotiz, aber nicht ganz unwichtig: Unternehmen sollen leichter in Klimaprojekte im außereuropäischen Ausland investieren können, was dem internationalen Handel einen neuen Dreh geben könnte. Lösungen für den Flugsektor? Fehlanzeige – für Airlines bleibt alles, wie es ist.

Das Dilemma: Wettbewerbsfähigkeit versus Klimaschutz

Vieles in Lieses Papier zielt auf die alte Gratwanderung: Wie ambitioniert kann der Klimaschutz werden, ohne die Industrie unverhältnismäßig zu belasten? Die Gratis-Zertifikate geben Anschub, verzögern aber teils Investitionen. CBAM wendet den Blick von innen nach außen und verschärft die Spielregeln für den Welthandel. Nun wird die Einbindung der Länder, aber auch die Staffelung der Pflichten zur Gretchenfrage künftiger europäischer Klimapolitik.

Kleine Vorschau: Was könnte das alles für uns bedeuten?

Lieses Vorschläge geben Unternehmen anfangs mehr Luft zum Atmen. Aber spätestens in den späten 2030er Jahren sollten sie sich warm anziehen – dann wird’s mit der Emissionsminderung deutlich ruppiger. Für Verbraucherinnen und Verbraucher heißt das: Je nachdem, wie sich die politischen Verhandlungen gestalten, legt das Emissionshandelssystem mit fest, welche Kosten am Ende für Produkte, Strom und jobs draufgehen.

Kompakte Zusammenfassung

Peter Liese will mit seiner Reform des EU-Emissionshandels den Balanceakt zwischen Wettbewerbsfähigkeit und ambitionierten Klimazielen neu austarieren. Sein Vorschlag setzt auf eine zeitlich befristete Investitionspflicht für Unternehmen, mehr finanzielle Verantwortung der Mitgliedstaaten und einen veränderten Reduktionspfad – mit moderaten Vorgaben anfangs und deutlich schärferen Einschnitten ab Mitte der 2030er Jahre.

Erweiterte Hintergründe aus der aktuellen Berichterstattung

In den vergangenen beiden Tagen wurde in mehreren Leitmedien intensiv über die Reformpläne des EU-Emissionshandels berichtet. Deutschlands Umweltministerin bezeichnete Lieses Vorstoß als "wichtigen Beitrag für tragfähigen Klimaschutz", betonte aber, dass die Umsetzung noch viele Kompromisse brauchen werde. Die EU-Kommission will in Kürze mit Staaten und Parlament verhandeln, denn die Positionen bei Konditionalität und Einnahmenverwendung gehen weiterhin weit auseinander.

Interessant ist am Rande: Unternehmen schauen mittlerweile nicht nur mit Sorge, sondern teils auch mit Zuversicht auf den verschärften Emissionshandel – zum Beispiel, weil ein klarer Reduktionspfad Planungssicherheit für größere Investitionen schafft. Allerdings gibt es auch Kritik aus den Reihen von Industrieverbänden, die eine Belastung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit fürchten und vor Umgehungshandel via Drittländer warnen.

Ein zusätzlicher Punkt aus aktuellen Artikeln: Die Rolle des EU-Emissionshandels wird inzwischen auch auf politischer Ebene als zentrales Testfeld für die künftige Klima-Industrie-Strategie Europas gesehen. Die EU will am Beispiel ETS zeigen, dass marktwirtschaftliche Steuerung und ehrgeizige Klimaziele kein Widerspruch sein müssen.

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