Christian Klein, oberster Lenker des Software-Giganten SAP, spricht sich öffentlich für eine Kultur aus, in der Leistung konstruktiv und offen ausgesprochen wird – auch, wenn das unbequem ist. "Wir müssen ehrlich sein: Nicht jede*r reißt Bäume aus, nicht jede*r gehört zur Spitze. Wenn wir alles relativieren, verlieren wir den Antrieb", so Klein gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Er vergleicht das mit Sportwettbewerben: Athlet*innen wachsen an Herausforderungen. Die Tendenz, überall Auszeichnungen zu verteilen (er spielt etwa auf die umstrittene Abschaffung der Bundesjugendspiele an), sieht er skeptisch. Vielleicht fehlt uns manchmal die Lust am Kräftemessen? Gerade in deutschen Unternehmen, wo Harmonie oft über alles steht, ist Kritik anzusprechen fast schon ein Tabubruch. Klein spricht auch die politische Unzufriedenheit an, wie sie sich vor den Landtagswahlen in Berlin und Sachsen-Anhalt in hohen AfD-Umfragewerten zeige. Die Menschen müssten wieder das Gefühl bekommen, dass Politiker im Interesse der Bevölkerung handeln – sonst gehe das Vertrauen verloren. Themawechsel, aber nicht weniger brisant: Die Entwicklung im Feld der künstlichen Intelligenz. Europa drohe, zwischen dem rasanten Fortschritt in China und den USA zerrieben zu werden. "Wir dürfen nicht warten, bis alle anderen davongezogen sind", mahnt Klein. SAP reagiert: Trotz Einbrüchen beim Aktienkurs will man 400 bis 500 neue Data Scientists einstellen. KI könne zwar die Produktivität erhöhen – aber Entlassungen seien nicht auszuschließen. Fairer Umgang mit der Wahrheit, auch im eigenen Haus. Nebenbei entwickelt SAP gemeinsam mit der Telekom eine Bürger-App für die Verwaltung – eigentlich schon lange technisch umsetzbar, doch Behörden, Bürokratie und digitale Lücken bremsen seit Jahren das Tempo.
Klein plädiert für eine offensivere Haltung zu Leistung in den Betrieben – uneingeschränktes Lob führe laut ihm zu Mittelmaß. Kritisch äußert er sich zur politischen Kultur in Deutschland und fordert ein neues Vertrauen in die Politik. Angesichts des internationalen KI-Wettbewerbs sieht er Europa in Zugzwang und kündigt neue Investitionen seitens SAP an, betont aber auch Unsicherheiten beim Stellenbestand. Noch eine Ergänzung: In den letzten Tagen brodelt die Debatte um die Digitalisierung der Verwaltung – nicht nur bei SAP. Laut neuesten Medienberichten ist die zögerliche Umsetzung digitaler Verwaltungsangebote in Deutschland weiter ein großes Thema, vom Online-Führerschein bis zur Anmeldung des Wohnsitzes. Zeitgleich diskutieren Unternehmen wie Siemens und Infineon öffentlich die Schattenseiten vom KI-Einsatz – Stichwort Datenschutz und Arbeitsplatzsicherheit. Darüber hinaus werden fortlaufend die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen einer veränderten Leistungskultur kritisch durchleuchtet. Viele Fachleute argumentieren, dass eingefahrene Strukturen aufgebrochen werden müssten – also mehr Mut zur Ehrlichkeit, aber auch neue Beteiligungsformate für Mitarbeitende.