USA hielt NSDAP-Mitgliederlisten jahrzehntelang zurück

Über viele Jahre hinweg weigerten sich die Vereinigten Staaten, die bei Kriegsende erbeutete NSDAP-Mitgliederkartei an Deutschland herauszugeben.

heute 13:07 Uhr | 2 mal gelesen

Wie aus Akten des Auswärtigen Amtes und des Bundesarchivs hervorgeht – darüber berichtet unter anderem der "Spiegel" –, beantragten der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und Außenminister Hans-Dietrich Genscher Ende der 1970er Jahre offiziell die Rückgabe der Nazi-Unterlagen. Die Papiere lagerten bis dahin im von den Amerikanern betriebenen Berlin Document Center (BDC) in West-Berlin. 1980 gab es bereits einen Vertragsentwurf zwischen deutschen und US-amerikanischen Diplomaten. Die Amerikaner zogen jedoch den Stift zurück und unterzeichneten nie – offenbar aus Sorge, keinen Zugriff mehr auf wichtige Ermittlungsunterlagen über NS-Verbrecher zu haben. Ein hoher US-Diplomat räumte Jahre später ein, das Außenministerium habe darauf gesetzt, dass die Sache schlicht "versandet". Denn: US-Stellen suchten zu jener Zeit in den USA weiterhin nach ehemaligen Nationalsozialisten und befürchteten, durch eine Rückgabe könnten sie den Zugang zu den Akten verlieren. Nach der Wende nahm die deutsche Regierung einen weiteren Versuch. Charles Skinner, zuständig für Berlin im US-Außenministerium, warnte deutsche Diplomaten davor, das Thema während der Einigungszeit nicht zu sehr in die Öffentlichkeit zu ziehen – so zumindest aus heutiger Sicht eine ziemlich unverblümte Anmerkung. Erst 1994, also fast ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende, wurde das BDC samt NSDAP-Kartei übergeben. Selbst dann blieben die Amerikaner misstrauisch: Ob die Deutschen die gesamte Kartei auch wirklich unangetastet lassen würden? Ein formeller Brief aus dem Auswärtigen Amt musste die Unversehrtheit der Dokumente zusichern.

Der langjährige Streit über die Rückgabe der NSDAP-Mitgliederkartei zwischen den USA und Deutschland ist ein Beispiel für die Nachwirkungen der Alliierten Politik nach dem Zweiten Weltkrieg. Die amerikanische Seite argumentierte stets mit der Notwendigkeit, weiterhin NS-Kriegsverbrecher verfolgen zu können, und fürchtete daher um den Zugang zu den Dokumenten. Interessanterweise spielte die öffentliche Wahrnehmung in den USA eine Rolle: Offizielle Vertreter warnten davor, das Thema groß werden zu lassen, um den Prozess der deutschen Einheit nicht zu riskieren. Erst 1994, ganze fünf Jahre nach dem Mauerfall, übergaben die USA die NS-Archive an Deutschland – und selbst dann nicht ohne verstecktes Misstrauen bezüglich des Umgangs mit dem belastenden Material. Ergänzend lässt sich anmerken: In den vergangenen Wochen gab es wieder einige Diskussionen um den Zugang zu alten NS-Akten, da Digitalisierung und Transparenz gerade im historischen Bereich erneut Aufmerksamkeit bekommen. Nach Recherchen in aktuellen Nachrichtenquellen steht das Thema NS-Vergangenheit weiterhin im Fokus der Geschichtsforschung und passt damit in einen größeren Zusammenhang des souveränen Umgangs mit deutscher Geschichte.

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