Desertion auf deutschem Boden: Über 80 ukrainische Soldaten verschwinden in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt sind seit Beginn des Ukrainekrieges mehr als 80 ukrainische Soldaten, die eigentlich auf deutschen Truppenübungsplätzen ausgebildet werden sollten, untergetaucht. Landesweit gibt es offenbar Hunderte solcher Fälle.

heute 13:36 Uhr | 3 mal gelesen

Die Recherchen der Zeit, veröffentlicht an einem Donnerstag, zeichnen ein düsteres Bild: Ukrainische Soldaten, nach Deutschland geschickt, um sich den nötigen Schliff für die Front zu holen – und dann plötzlich weg. Über 80 Soldaten haben sich seit 2022 alleine im beschaulichen Sachsen-Anhalt abgesetzt. Nach ukrainischem Recht ist das Desertion und kein Kavaliersdelikt: Bis zu zwölf Jahre Haft könnten ihnen drohen, sollten sie erwischt und heimgebracht werden. Auffällig ist, dass viele dieser Männer gar nicht aus eigenem Antrieb zur Armee gingen, sondern im Rahmen der massiven, manchmal fast verzweifelt wirkenden Zwangseinberufungen erwischt wurden. Die Entsendung zur militärischen Ausbildung in Deutschland – ursprünglich als Karrieresprungbrett oder Überlebensversicherung gedacht? – entpuppte sich für manche als unerwartete Chance zur Flucht vor dem Krieg. Allerdings, und das wird beim genaueren Hinsehen spürbar: Diese geflüchteten Soldaten stehen rechtlich auf völlig anderem Boden als normale ukrainische Flüchtlinge. Wer als Zivilist vor Bomben, Plünderungen oder der nackten Angst nach Deutschland flieht, bekommt Schutz nach §24 AufenthG gewährt – bis auf weiteres. Aber diejenigen, die als Soldaten auf offiziellem Wege entsandt werden und dann desertieren, stehen mit leeren Händen da. Mit Kriegsbeginn schickte die Ukraine zunächst motivierte Veteranen und Profis zur Ausbildung nach Deutschland. Jetzt, mit zunehmendem Druck und schrumpfenden Freiwilligenzahlen, rücken zunehmend unmotivierte und unerfahrene Männer nach, oft mit wenig Lust auf das, was an der Front auf sie wartet – und mit jeder Menge Fluchtgedanken im Kopf.

Nicht nur die Zahl der Deserteure unter ukrainischen Soldaten in Deutschland nimmt zu, sondern auch die Herausforderungen für deutsche Behörden: Unklar bleibt, wie Deutschland mit diesen Deserteuren verfahren soll, da im deutschen Aufenthaltsrecht eine Lücke für solche Fälle besteht. Nach aktuellem Stand gibt es keinen expliziten Schutzstatus für ukrainische Soldaten, die während ihrer Ausbildung in Deutschland fliehen, was bedeutet, dass die meisten von ihnen in einer rechtlichen Grauzone leben – abgeschoben werden sie bislang allerdings kaum. Verschärfend kommt hinzu, dass der Rekrutierungsdruck der Ukraine anhält und die Motivation vieler Einberufener weiterhin gering ist, sodass mit weiteren Desertionen zu rechnen ist. Laut aktuellen Berichten, etwa von süddeutsche.de und Die Zeit, reagieren die zuständigen Behörden mit Zurückhaltung und Unsicherheit auf diese Problematik. Recherchen zeigen zudem, dass ukrainische Soldaten mit Kriegsdienstverweigerungstendenzen oft auch psychisch stark belastet sind und sich kaum Hilfe holen, da sie Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen und gesellschaftlicher Ausgrenzung in beiden Ländern haben. Diese individuelle Dimension wird in der öffentlichen Debatte bislang kaum sichtbar.

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